Text für Reader der Enquete-Kommission (3/97)


1.- Einleitung

Wir[1] als Experten werden oft gefragt: Was kommt da auf uns zu, wie wird die Technologie in zehn Jahren aussehen? Und was müssen die Menschen lernen, um damit klarzukommen? 

Unsere Antwort: Die Frage ist falsch gestellt -- denn das hängt von uns bzw. von Ihnen selbst ab. Die technische Entwicklung ist kein Naturereignis, nichts Unabwendbares, keine zwangsläufige Evolution. Sondern wir alle haben Handlungsfreiheit -- wir tun also gut daran, uns zuerst zu überlegen, wie wir möchten, daß die Welt von morgen aussieht und dann können wir daran gehen, die Medien und die Technologie so zu gestalten, daß sie dies ermöglichen. Es geht nicht um Utopia oder das Paradies auf Erden, aber Sie sollten zumindest den Hauch einer Ahnung haben, wie die Welt von morgen für alle lebenswert sein könnte. Und gerade, wenn Sie auch in der Zukunft in einem demokratischem Gemeinwesen leben wollen (Wollen Sie doch, oder?), dann müssen Sie daran arbeiten und schon heute dafür die Weichen stellen. 

Kurz: Wir vom FoeBuD wollen nicht Menschen der technischen Entwicklung anpassen, sondern wir wollen die Technik und die sonstigen Rahmenbedingungen so gestalten, daß sie unsere Vision der Welt von morgen ermöglichen und befördern. 

Zur Gliederung des folgenden Textes: Ich werde zunächst kurz auf zwei häufig verwendete Begriffe eingehen -- Information und Interaktion -- bevor ich zum übergreifenden Thema "Medienkompetenz" komme. Anschließend möchte ich ein konkretes Projekt vorschlagen. 

2.- Information

Was ist überhaupt "Information"? Sind Daten, der Wechsel von Einsen und Nullen, bereits Information? Nach Batesons Definition ist Information etwas mehr: 

"Information is a difference that makes a difference." 

... also "ein Unterschied, der einen Unterschied macht" oder freier übersetzt "ein Unterschied, der eine Bedeutung hat". 

Somit muß Information 

  1. zunächst überhaupt als Information erkannt werden. Um der Information einen Sinn geben zu können, muß
  2. Wissen vorhanden sein, um sie in einen Kontext einordnen zu können. Damit die Information
  3. auch für mich "einen Unterschied macht", muß ich mich selbst dazu in Bezug setzen können. Und erst wenn mich dies
  4. in die Lage versetzt, angemessen zu handeln, dann hat die Information auch für die Gesellschaft eine Bedeutung.
Wenn von "Informationsgesellschaft" die Rede ist[2], so schwingen zumeist zwei Deutungen von Information mit: 
  • Information als Ware und
  • Information als frei verfügbares Allheilmittel für die Probleme der Welt.
Mal wird das eine in den Vordergrund gestellt, mal das andere. Bei nüchterner Betrachtung widersprechen sich die beiden Bedeutungen; offensichtlich sind aber die meisten Autorinnen und Autoren der Ansicht, das eine würde jeweils die Glaubwürdigkeit des anderen erhöhen. Knallhartes Geschäft wird gewinnbringend verquickt mit einem Mythos -- und umgekehrt. 

Internet-Aktivist Barlow behauptet allen Ernstes, der Hunger in der Dritten Welt sei ein Problem fehlender Information[3]. Ist das naiv oder ist es zynisch? Die Tatsache, daß Lebensmittel auf der Erde durchaus für alle ausreichend vorhanden sind, aber nicht gerecht verteilt werden, ist uns aus unzähligen Zeitungsartikeln und Fernsehsendungen nun schon seit Jahrzehnten bekannt. Allerdings setzen nur wenige Menschen in der Ersten Welt dieses Wissen in eigenes Handeln um, indem sie z.B. Waren aus nachhaltiger Wirtschaft und aus fairem Handel kaufen. 

Strukturelle Probleme können nicht allein durch Information gelöst werden. Zum Beispiel bringen weder Information noch Training für Kleinbauern in Äthiopien spürbare Einkommensverbesserungen. Sie bearbeiten ihr Land nämlich bereits höchst effizient -- und solange sie nicht mehr Ackerfläche bekommen, können sie die Information nicht nutzbringend einsetzen[4]. 
Auch für uns in Europa geht es eben nicht um viel oder wenig Information ("Information" gibt es im übrigen auch ohne die computerbasierten Netze bereits mehr als genug.). So steht für mich auch nicht der Gegensatz zwischen "information rich" und "information poor" zur Debatte, sondern eher der Gegensatz zwischen "Infoelite" und "Unterhaltungsproletariat". 

"Bildung ist, was übrigbleibt, wenn wir alles vergessen haben."[5] 

Ein Mehr an Information bedeutet keineswegs automatisch ein Mehr an Einkommen, Einflußmöglichkeiten oder Wohlbefinden. Menschen gewinnen nicht an Einsicht oder Bildung durch bloßes Wissen, solange es unspezifisches, nicht biografisch gezeichnetes Wissen ist. Wissen bedeutet, aktiv eine Auswahl zu treffen, sich etwas zu vergegenwärtigen, die Dinge in einen Zusammenhang zu bringen und zu sich selbst in Beziehung setzen zu können. 

Das können Menschen nur im lebendigen Dialog mit anderen Menschen lernen. Biografisch verankertes Wissen entsteht durch bewußtes Erleben. Dieses Erleben findet eher ungeplant im Diskurs und in Interaktion mit anderen Menschen statt und nicht beim Abfragen von Informationen aus Datenbanken. Kommunikationskompetenz können Menschen nicht allein im virtuellen Raum lernen. Für diese Erfahrungen muß ein geeigneter Rahmen angeboten werden, in dem dies stattfinden kann. (siehe Projekt Mediencafé!) 

Menschen, die nur informiert sind, sind persönlich nicht betroffen -- sie sind lediglich eine Durchlaufstelle für Informationen und halten sich für den Inhalt ihres Kopfes nicht mehr für verantwortlich. Statistisches Zahlenmaterial und medizinische Fakten über AIDS werden z.B. als spannendes Forschungsthema wahrgenommen, bleiben den Menschen aber so fern und unvorstellbar wie die Meldung von einer Überschwemmung in Bangladesh, solange sie nicht sehen, was diese Information mit ihrem Leben zu tun hat. Bloßes Wissen lähmt. Die Erfassung der Welt durch messen, zählen, einordnen, falsch oder richtig nimmt das Gefühl für die eigene Wahrnehmung. Der Glaube, "die Wissenschaft" bzw. "der Computer" habe recht, nimmt das Gefühl für die eigene Eingreifmöglichkeit. 

Anstelle des Begriffs "Informationsgesellschaft" sprechen wir deshalb lieber von einer "Kommunikationsgesellschaft", sowohl als treffendere Beschreibung als auch als Vision. 

3.- Interaktion

"Wenn ich etwas anklicken kann, ist es dann interaktiv?" 

Unzählige Dinge werden heutzutage "interaktiv" genannt - nur wenige sind es. "Surfen" im World Wide Web zum Beispiel unterscheidet sich nur graduell vom "Zappen" quer durch die TV-Programme mit der Fernbedienung. Es kann hier wie dort etwas ausgewählt werden, aber es handelt sich um Alternativen, die von anderen vorgegeben wurden. 
 

    Beispiel für mißverstandene Interaktion
Solch ein Angebot ist Multiple Choice. Es schafft nur eine scheinbare Individualität. So werden Menschen zu Knöpfchen-drückenden Affen. Und die Erfahrung zeigt: Je perfekter etwas designt ist, desto geringer ist die Neigung, daran etwas zu ändern, es zu bearbeiten, andere Interpretationen oder Denkansätze zu erwägen. Daran ändert auch die eine selbstgebastelte Homepage nichts. Interaktion ist mehr. Interaktiv ist nur etwas, das sich auch selbst ändern kann. 

Schauen Sie sich dagegen das folgende Beispiel eines Diskussionsbaumes aus dem /CL-Netz an. Hier findet ein echter Dialog statt - viele sprechen mit vielen. Jede und jeder kann nicht nur eigene Gesichtspunkte in die Diskussion einbringen, sondern auch grundsätzliche Änderungen anstoßen. Diese Diskussion ist kein "Chat", also kein anonymes Geplauder, das ausschließlich der Unterhaltung dient. Sondern hier stehen Menschen zu ihrer Meinung und es geht auch um etwas: Im Themenbereich "CL/Koordination" wird die inhaltliche, technische und organisatorische Gestaltung des Netzes diskutiert und von allen gemeinsam entschieden. Bezeichnenderweise wird im /CL-Netz nicht von "Benutzern" gesprochen, sondern von Teilnehmerinnen und Teilnehmern. 
 

    Beispiel der Kommunikation innerhalb eines Brettes im /CL-Netz
Die Möglichkeit, zwischen vorgegebenen Alternativen auszuwählen, schafft noch nicht mündige Bürgerinnen und Bürger, sondern bestenfalls zufriedene Konsumenten. Es gibt ja bereits Leute, die von einer per TED abwählbaren Regierung phantasieren... 

Für eine moderne demokratische Gesellschaft geht es aber vielmehr darum, die Lust zum eigenen und gemeinschaftlichen Handeln zu fördern. Von Interaktion zur Partizipation. Damit das Medium echte Teilnahme ermöglicht, müssen demokratische Strukturen auch innerhalb der Netze verwirklicht werden. Abstimmungsrituale sind dafür keine Garantie. Giovanni Sartori[6], Politologe an der Columbia Universität, sagt: 

    "Eine virtuelle Demokratie ist eine nichtexistierende Demokratie. Direkte Demokratie dagegen wurde immer als eine Demokratie des Dialogs gedacht. Entscheidungen werden getroffen, indem man miteinander spricht, indem man die Ideen der anderen anhört und seine eigenen erläutert. Wenn diese Vorgehensweise zu einem Druck auf die Fernbedienung verkümmert, erreichen wir keine Demokratie, sondern nur eine Willensbekundung. Die unmittelbare Interaktivität verliert ihren Inhalt und wandelt sich zu einem gefährlichen Multiplikator von Dummheit."
In der Tat ist jeder Mensch kompetent - u.a. in dem Bereich, der ihre Arbeit, sein Hobby, ihre speziellen Interessen oder seinen Alltag betrifft. Und die meisten Menschen haben nicht nur ein Informations-, sondern auch ein Mitteilungsbedürfnis. In den Bereichen, wo sie sich auskennen, tauschen sie sich gerne mit anderen aus, und wenn sie ernstgenommen und gefragt werden, geben sie auch gerne Auskunft. Dafür müssen Netze aber wahrhaft "interaktiv" gestaltet sein, also nicht als ein weiteres Einweg-Medium a la TV, sondern es muß für alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer einen ebenso breiten Rückkanal bieten. Und sie müssen einen Rahmen geboten bekommen, in dem sie sich willkommen fühlen, sich zu äußern. 

Die Netze könnten auch eine ideale Plattform sein, um jene Menschen an Entscheidungen zu beteiligen, die direkt von ihnen betroffen sind. Während Radwege und öPNV-Verbindungen von Menschen geplant werden, die diese Einrichtungen offenbar nur selten selbst verwenden, sind Menschen, die täglich auf diesen Wegen unterwegs sind, durchaus auch "Fachleute" und könnten wertvolle Hinweise für eine bessere Gestaltung geben. 

4.- Medienkompetenz

"Alle reden von Medienkompetenz -- was ist das überhaupt?" 

Medienkompetenz ist zu einem wahren Modewort geworden, oft wird seine Bedeutung aber nicht richtig erfaßt. Der Begriff stammt ursprünglich aus der Linguistik und wurde Anfang der 70er Jahre von Dieter Baacke in die Pädagogik übertragen. Medienkompetenz ist etwas anderes als Medienerziehung (wie der Begriff oft mißverstanden wird). Medienerziehung meint einen gezielten pädagogischen Akt, mit dem der "richtige Umgang" mit einem Medium vermittelt werden soll. 

Der Begriff "Medienkompetenz" dagegen ist viel umfassender - es geht nicht um Erziehung, sondern um Bildung. Er setzt voraus, daß jeder Mensch über Sprachkompetenz, Ausdruckskompetenz und Kommunikationskompetenz verfügt. Kompetenz ist angeboren -- sie muß aber entwickelt werden. Die politische Folgerung ist die, daß Menschen, die diese Kompetenz nicht zeigen, keine Gelegenheit hatten, sie auszubilden. Das Konzept der Medienkompetenz steht in der Tradition der Aufklärung. 
Medienkompetenz hat vier wesentliche Aspekte: 
 

  1. Kenntnis: Ich muß die Angebote kennen, ich muß wissen, daß es Internet, MailBoxen, verschiedene Netze und verschiedene Dienste gibt usw.
  2. Anwendung: Ich muß mit diesen Medien umgehen können. Ich muß z.B. wissen, wie ich den Videorecorder einschalte, ein Modem an die Telefonleitung anschließe oder im Netz mit Suchmaschinen umgehe.
  3. Kritikfähigkeit: Ich muß dazu in der Lage sein, das Medium kritisch zu beurteilen, zu beobachten, wie sich das Medium auswirkt und wie es mit anderen Medien und Bereichen verwoben ist.
  4. Kreativität und Innovation: Ich muß dazu in der Lage sein, mich selbst innerhalb der Medien auszudrücken und sie mitzugestalten.
Wenn heutzutage von "Medienkompetenz" die Rede ist, werden zumeist nur die ersten beiden Punkte angesprochen. Ohne die Fähigkeit zur Kritik und zur eigenen Innovation aber bleibt es bei der Einübung von bloßen Fertigkeiten zur Bedienung. 

Medienkompetenz ist ein Teil von Kommunikationskompetenz - nicht umgekehrt! Menschen brauchen Mut, auszuwählen, sie brauchen Mut, um der eigenen Wahrnehmung zu trauen und sie brauchen Vorstellungskraft, um zu wissen, was sie wollen. Wer das alles schon vorher erworben hat, wird sich auch im Netz zurechtfinden (und sich auch von technischen Unzulänglichkeiten nicht abschrecken lassen). Wem diese Fähigkeiten allerdings fehlen, der wird sie auch in den Netzen nicht lernen, sondern sich darin verlieren. 

Die Vermittlung von Medienkompetenz kann keine Aufgabe allein der Schulen sein. "Lebenslanges Lernen" wird heute oft gefordert. Geben wir ihm einen Raum: 

5.- Konkreter Vorschlag: Mediencafé

Das Projekt "Mediencafé" heißt so, weil wir vom FoeBuD e.V. das Konzept auf unserem Messestand[7] auf der CeBIT unter diesem Namen vorgestellt haben und bisher noch kein besserer Name gefunden wurde. Verwechseln Sie es bitte nicht mit den sogenannten "Internetcafés", die mittlerweile wie Pilze aus dem Boden schießen, sich in der Praxis aber zumeist als Anhängsel von Kneipen, Kaufhäuser oder Spielsalons entpuppen, in denen ein paar Computer aufgestellt wurden zur Verkaufsförderung, als Marketing-Gag oder als Spielgerät. Das Netzangebot beschränkt sich in der Regel auf "Surfen" im Internet. 

Was ist die Idee der Mediencafés?

Natürlich soll im Mediencafé auch modernste Technik zur Verfügung tehen. Aber eben nicht nur die Technik -- Terminals alleine nützen nichts, genausowenig wie Online-Datenbanken, CD-ROMs etc. 

Denn fragmentierte Information alleine hilft niemandem. Eine Datenbank mit Nitratwerten des Trinkwassers aus Hausbrunnen der Umgebung z.B. bekommt erst eine wirkliche Bedeutung, wenn dazu auch die Grenzwerte angegeben werden und wenn die medizinischen Folgen erläutert werden, also mit welchen Werten das Wasser noch zur Teezubereitung verwendet werden kann und ab wann es nur noch zum Rasensprengen benutzt werden sollte. 

Das Mediencafé wird ein komplexes Dienstleistungsangebot (z.B. Beratung, Bildung, Information Broking) haben. Besucherinnen und Besucher werden nicht mit der Technik alleingelassen, sondern es stehen bei Bedarf stets kompetente Menschen zur Verfügung, die nicht nur bei technischen Fragen helfen können, sondern auch bei Fragen wie: Wo finde ich was? Wo kann ich etwas veröffentlichen, bei wem eine Eingabe machen? Wie kann ich das präsentieren, wie ist das zu beurteilen, wer kennt sich mit diesem Thema aus, gibt es dazu schon Forschungsergebnisse etc. Das Personal des Mediencafés muß dafür neben fachlichen Kenntnissen den Willen zur interdisziplinären Arbeit haben und eine hohe soziale Kompetenz besitzen. Hier werden neue, hoch qualifizierte Arbeitsplätze geschaffen. 

Das Mediencafé erfüllt so auch als informeller Treffpunkt eine wichtige Funktion. Zukunftsfähige Konzepte brauchen solche Kristallisationspunkte, Freiräume, wo Menschen mit unterschiedlichsten Fähigkeiten und Interessen sich treffen und zusammenarbeiten. Wir möchten dieses Potential für die Allgemeinheit nutzbar machen. 

Warum extra Räume? Geht das nicht übers Netz?

Ein Anliegen des Mediencafés ist es, ein Gegengewicht zum Einigeln zu Hause herzustellen. Gerade in Zeiten, wo Telearbeit, Telelearning, electronic banking, video on demand etc. für viele Alltag werden und sogar das Essen per Pizza-Bringdienst ins Haus kommt, werden Öffentliche Orte gebraucht, wo Menschen sich persönlich treffen können. Weder eMail, noch Chat, noch Videokonferenz können die Face-to-face Kommunikation ersetzen. 

Wie sollen diese Räume konkret aussehen?

Die Räumlichkeiten sollen verkehrstechnisch gut zu erreichen sein. Sie sollen hell, freundlich und von draußen einsehbar sein. Das Mediencafé soll ein niedrigschwelliges Angebot sein, das auch Laufkundschaft dazu anregt, mal hereinzuschnuppern. Es soll ein angenehmer, kommunikativer Ort sein. Das muß sich auch in der Einrichtung niederschlagen: Ein Mediencafé darf nicht aussehen wie ein Computerladen, ein Ingenieurbüro, ein Schnellimbiß oder eine Spielhalle. Gute Atmosphäre ist wichtig (stellen wir uns eine Mischung aus Caféhaus und Bibliothek vor). Es wird ruhigere Plätze geben, wo gearbeitet werden kann, abgetrennte Seminarräume für Schulungen und eine Kinderbetreuung. Es werden regelmäßig Vorträge und Veranstaltungen zu aktuellen Themen angeboten -- so lernen immer wieder neue interessierte Bürgerinnen und Bürger die Einrichtung kennen. Last not least: Der Cafébereich muß die gastronomische Qualität haben, daß Leute auch allein deshalb kommen, um hier in angenehmer Atmosphäre einen Milchkaffee zu trinken oder eine Kleinigkeit zu essen. 

Wer ist die Zielgruppe? Wer soll das Mediencafé nutzen?

Das Mediencafé soll für alle Bürgerinnen und Bürger offen sein. Wir denken dabei insbesondere an 
  • alle, die sich die Technik nicht selbst anschaffen können oder wollen.
  • alle, die Rat suchen, etwas mitzuteilen haben, sich über Vorkommnisse im dem Netz im wirklichen Leben austauschen wollen (und umgekehrt).
  • alle, die sich fortbilden wollen (Seminarangebote!)
  • kleine und mittlere Unternehmen ohne eigene Forschungsabteilung, die sich hier Know-How besorgen können.
Die Gestaltung der Einrichtung soll dafür sorgen, daß sich keine Gruppe ausgeschlossen fühlt. 

Wie soll das finanziert werden?

Das Angebot soll nicht kostenlos sein, aber es muß für alle erschwinglich sein. Alle Teilnehmer/innen, die es nutzen, zahlen einen kleinen Beitrag. Selbstverständlich wird es Kooperationen mit Firmen geben, diese dürfen aber nicht federführend für das Gesamtprojekt sein. Und da es sich um eine Einrichtung handelt, die Spezialistenwissen mit Allgemeinbildung und politischer Bildung verbindet, soll auch die öffentliche Hand hier keinesfalls aus der Verantwortung entlassen werden. Die Kosten ließen sich über eine "Kompetenzbildungsabgabe" refinanzieren. 

Wie anfangen?

Wir sollten uns nicht scheuen, groß zu denken: Mediencafés soll es zukünftig in jeder Stadt geben. Für Konzeption und Planung ist es sinnvoll, zunächst ein Pilotprojekt als Denkfabrik einzurichten. 

Diese Aufgabe kann nicht von Professoren, die nur theoretisch über Technik und Medien schreiben, bewältigt werden - und sie sollte auch nicht Marktforschungsunternehmen überlassen werden. 

Sondern dafür wird ein interdisziplinäres Team von Menschen mit praktischem Hintergrund gebraucht, die sich sowohl der wirtschaftlichen als auch der gesellschaftlichen Verantwortung bewußt sind. Zum Beispiel: Netzinsider mit den kulturellen und sozialen Erfahrungen in einem Bürgernetz wie /CL als einer demokratischen virtuellen Gemeinschaft sind den "information at your fingertips"-Propagandisten um Jahre voraus. Hier sind bereits Antworten erarbeitet worden auf Fragen und Probleme, die sich anderen noch nicht gestellt haben. Von diesen Erfahrungen könnten alle profitieren. 

Fazit

Denken Sie nun nicht, dies seien ausschließlich Phantasien von irgendwelchen idealistischen Künstlern. Dr. Helmut Volkmann von der Zentralabteilung Forschung und Entwicklung bei Firma Siemens z.B. kommt auf anderen Wegen zu überaus ähnlichen Schlußfolgerungen. Er hat die Kondratieff-Wirtschaftszyklen untersucht und in die Zukunft weitergedacht. Jeder Zyklus dauert etwa 50 Jahre und wird jeweils von einer Technologien entscheidend geprägt (Dampfmaschine, Eisenbahn, Elektrizität, Auto), die jeweils ein wichtiges menschliches Bedürfnis befriedigten (Arbeit erleichtern, Ressourcen verfügbar machen, Urbanität lebenswert machen, Mobiliät). Typischerweise herrscht am Anfang eines Zyklus allgemeine Euphorie und Erfindergeist und Unternehmertum beflügeln sich gegenseitig. Gegen Ende jedes Zyklus neigt die Stimmung eher zur Depression, bei der Technik geht es in einem Verdrängungswettbewerb nur noch darum, die Produkte schneller, kleiner und billiger herzustellen. 

Während viele noch glauben, daß die Vernetzung von Computern 'das kommende Ding' sei, ist diese Kurve bereits wieder im Abschwingen -- der nächste Zyklus wird etwas ganz anderes, Neues, zum Inhalt haben. Selbstverständlich bleiben auch die anderen Technologien (also auch die Computer) wichtig -- so wie wir auch weiterhin Elektrizität und die Eisenbahn benutzen --, aber sie sind nicht mehr das bestimmende Element. Was die Technologie des 5. Kondratieff-Zyklus sein wird, wissen wir noch nicht. Aber es ist anzunehmen, daß es Netzwerke des Wissens sind und daß das nächste grundlegende Bedürfnis das Lösen von Problemen für die Mitwelt ist. Das ist nicht nur altruistisch zu verstehen: Die Probleme von heute sind die Geschäfte von morgen. ("Problemlösungsgesellschaft") 

(Wußten Sie, daß das Faxgerät in Deutschland erfunden wurde? Weiterentwickelt und vermarktet wurde es allerdings von Firmen in Japan. Den Entscheidern in Deutschland fehlte schlicht die Vorstellungskraft, die Erfindung aus dem eigenen Hause ernstzunehmen, ihre Bedeutung für die Zukunft zu begreifen und gaben ihr deshalb keine Chance.)  

Es wäre aber falsch, nun anzunehmen, alles weitere dem Markt und dem freien Spiel der Kräfte überlassen zu können. Wettbewerb funktioniert dauerhaft nur, wenn er einen Rahmen hat. Der Rahmen wird von einem komplexen Geflecht von normativen Werten, sozialen Beziehungen und staatlichen Institutionen gebildet. 

"[Es] ... sind Regeln notwendig, die nicht nur den Wettbewerb aufrechterhalten, sondern auch für das Überleben der Konkurrenten sorgen.[8]" "... weil sich die Wirtschaftsakteure nicht automatisch Regeln unterwerfen, von denen sie irgendwie herausgefunden haben, daß sie langfristig ihren Eigeninteressen dienen."[9]) 
 

    So stellt sich die Telekom eine nicht-partizipative Informationsgesellschaft vor
Hier sehen Sie, wie sich 1995 die Telekom die interaktive Kommunikation der Zukunft vorstellte: Eine dicke Leitung führt ins Haus hinein, eine dünne (Telefon-)Leitung aus dem Haus heraus, im Haus stehen Monitor und Settop-Box. Zwei mögliche Aktionen sind vorgesehen: "Order" und "Pay" (bestellen und bezahlen). Menschen sind nicht zu sehen - in dieser Konstellation sind sie nur als Konsumenten denkbar. 

Telekommunikation ist ein Milliardengeschäft! Es ist Aufgabe der Politik, die hier tätigen Unternehmen daran zu erinnern, daß Eigentum verpflichtet. Z.B. könnten von Telekommunikationsunternehmen eingeforderte Lizenzeinnahmen dazu verwendet werden, entsprechende Bildungseinrichtungen für die Gemeinschaft zu schaffen (Kompetenzbildungsabgabe). 

Politiker/innen, die unpopuläre, aber wichtige Entscheidungen wegen des nächsten Wahltermins scheuen, handeln ebenso kurzsichtig wie Unternehmen, die ausschließlich auf den Shareholder Value ihrer Aktionäre hinarbeiten. 
Innovation aber braucht Mut - und Freiräume! Langfristig denken heißt: in Menschen investieren. Fragen Sie sich doch einmal ernsthaft - in Abwandlung des Werbeslogans einer Softwarefirma: "Where do you want to go tomorrow?" 

Kontaktadresse:

FoeBuD e.V. c/o Art d'Ameublement 
Rena Tangens & padeluun 
Marktstraße 18  
D-33602 Bielefeld 
* Tel: 0521-175254  
* Fax: 0521-61172  
* Box: 0521-68000 
eMail: rena@bionic.zerberus.de 
eMail: padeluun@bionic.zerberus.de 
Web: http://www.foebud.org 

Wer wir sind

Rena Tangens und padeluun sind Künstler, haben die Galerie Art d'Ameublement in Bielefeld gegründet und u.a. auf der documenta und der ars electronica ausgestellt und waren auf Einladung des Canada Council als artist in residence für längere Zeit in Kanada. 1987 haben sie die monatliche Veranstaltungsreihe "PUBLIC DOMAIN" (öffentliche Angelegenheit) in Bielefeld ins Leben gerufen, die sich Themen aus Zukunft und Technik, Wissenschaft und Politik, Kunst und Kultur widmet. 1987 gründeten sie den FoeBuD e.V. (Verein zur Förderung des öffentlichen bewegten und unbewegten Datenverkehrs), der auch Trägerverein der BIONIC MailBox ist und für die Software-Entwicklung die Zerberus GmbH. Seit 1990 stellten sie jährlich im Rahmen der Sonderschau CHANCEN 2000 ihre Arbeit vor und präsentierten hier auch zum ersten Mal das Konzept des Mediencafés. Der FoeBuD e.V. hat ab 1991 das Kommunikationsnetz "ZaMir Transnational Network" für humanitäre Zwecke in Ex-Jugoslawien aufgebaut. Dafuer erhielten Sie 1998 den Multimediapreis "Sinnformation" der Gruenen/Buendnis90-Bundestagsfraktion. Sie veröffentlichten 1993 das erste deutschsprachige Handbuch zu dem mittlerweile weltweit verbreiteten Verschlüsselungsprogramm PGP (Pretty Good Privacy) und setzen sich für den allgemeinen freien Gebrauch dieser Technologie ein. 

Literatur:

  • Baacke, Dieter: Kommunikation und Kompetenz. Grundlegung einer Didaktik der Kommunikation und ihrer Medien. München, 1973.
  • Bollmann, Stefan und Heibach, Christiane (Hg.): Kursbuch Internet. Anschlüsse an Wirtschaft und Politik, Wissenschaft und Kultur. Bollmann-Verlag, Mannheim, 1996.
  • Etzioni, Amitai: Jenseits des Egoismus-Prinzips. Ein neues Bild von Wirtschaft, Politik und Gesellschaft. Schäffer-Poeschel Verlag, Stuttgart, 1994.
  • Etzioni, Amitai: Die Entdeckung des Gemeinwesens. Schäffer- Poeschel Verlag, Stuttgart, 1995.
  • Hooffacker, Gabriele und Tangens, Rena: Frauen im Netz. Rowohlt-Verlag, Reinbek, 1997.
  • Spiegel Special 3/96
  • Shields, Peter und Samarajiva, Rohan: Telekommunikation, Entwicklung des ländlichen Raumes und der Maitland-Report "The Missing Link". In: Becker, Jörg (Hg.): Fern-Sprechen -- Internationale Fernmeldegeschichte, -soziologie und -politik. Vistas-Verlag, Solingen, 1994.
  • Tangens, Rena und Mandrella, Peter u.a.: MailBox auf den Punkt gebracht - Mit Zerberus und CrossPoint zu den Bürgernetzen. Bielefeld, 1996.
  • Volkmann, Helmut: Über Datenautobahnen spricht man nicht -- man benutzt sie. In: 20 Jahre Computerwoche; gestern, heute, morgen. Sonderausgabe zu zwanzigjährigen Bestehen, November 1994.
  • Zimmermann, Philip: PGP - Pretty Good Privacy - Das Verschlüsselungsprogramm für Ihre private elektronische Post - Deutschsprachige Anleitung incl. CD. Übersetzung: Deuring, Abel und Creutzig, Christopher. Bielefeld, 1997. 

[1] "Wer wir sind" siehe Abschnitt am Ende des Artikels 
[2] siehe auch Name dieser Enquete-Kommission 
[3] in Spiegel Special 3/97 S. 18/19 im Streitgespräch mit Neil Postman 
[4] vergl. Shields und Samarajiva 1994, S. 277-281 
[5] Edouard Herriot, französischer Schriftsteller und Politiker 1872-1957 
[6] Panorama 23.7.1994, zitiert nach Le Monde Diplomatique 3/96, S.9 
[7] Seit 1990 jedes Jahr im Rahmen von CHANCEN 2000 
[8] Etzioni 1994, S. 368 
[9] Etzioni 1994, S. 375  
 
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