| Stellen Sie sich diesen Raum mal ganz anders vor.
Kleine Sitzgruppen, Sofas, etwas höher, große Fenster mit einem
Ausblick auf wunderschöne Landschaften. Bücher liegen griffbereit.
Alles ist in weiß gehalten. Auch die erlesenen Speisen und Getränke
werden von der Farbe weiß geprägt. Der Konzertflügel, der
dort drüben stehen würden wäre schwarz und ein paar Betten
sind auch vorhanden. In diesem Raum würden wir uns gemeinsam 14 Stunden
— vom Nachmittag bis zum frühen Morgen — aufhalten, während zwei
Pianisten 840mal die angenehme Melodie von Erik Saties "Vexations" der
"Pages Mystiques" spielen würden.
Am Anfang noch lauschen Sie ehrfürchtig.
Wie bei einem Konzert. Niemand wagt ein Wort zu sprechen. Nach einiger
Zeit flüstert jemand vorsichtig hinter vorgehaltener Hand. Ein Rascheln.
Jemand steht auf und setzt sich auf einen anderen Platz. Sie sprechen ihn
an. Eine leise Unterhaltung beginnt. Ein Niesen. "Gesundheit!" wünscht
die Pianistin. Später holen Sie zwei Gläser (Weiß-)Wein
vom Büfett und noch etwas später machen Sie es sich vielleicht
doch auf einem der Betten bequem, während auf der anderen Seite des
Raums an einem Tisch Karten gemischt werden. Eine junge Frau hat eine weiße
Matte und sich selbst unter den Flügel gelegt. Sie lauscht und meditiert.
Eine geistvolle, friedliche Atmosphäre. Kunst
als Anlaß, um von etwas abzulenken und auf etwas anderes hinzuweisen.
Eine Erfahrung von Zeit; Kunst ohne Künstler und Sie selbst ein Teil
davon. Kunst nicht als Werk, sondern als Prozeß — kein Produkt entsteht,
sondern etwas, das mit Ihrer Erinnerung, Ihrem Geist und Herzen kommuniziert
und dort fortbesteht.
Erik Satie, der französische Komponist, der um
die letzte Jahrhundertwende lebte und wirkte, nannte dies "Musique d'Ameublement".
Eine Musik, die die angenehme Atmosphäre eines Raums mitgestalten
soll, wie das Licht, die Einrichtung, der Duft, der von den Blumenbeeten
durch die offenen Fenster hereingetragen wird.
So wie Erik Satie seine Musik verwendet sehen wollte,
so wollen wir — Rena Tangens und ich — Kunst geschehen lassen. Kunst als
Teil des Alltags. Mit unserem Projekt Art d'Ameublement arbeiten wir seit
vielen Jahren bemüht bescheiden und scheinbar unspektakulär.
Uns trieb die Frage, was denn nun nach Beuys'scher Theorie "Alle Menschen
sind Künstler" und Ives Kleins "Alles ist Kunst", nun denn die Aufgabe
der Kunst sei. Da war doch immerhin das tiefe Gefühl (für uns
gleichbedeutend mit Gewißheit), daß Berufskünstler auf
dieser Welt noch gebraucht werden.
Dazu mußten wir viel Ballast abwerfen: Bilder
und Skulpturen, Performances, Installationen, Film, Video, Musik, Freundlichkeiten,
Sektempfänge und die Erwartung "verstanden" oder gar akzeptiert zu
werden. Es durfte nichts Vermittel- oder gar Kaufbares übrigbleiben,
weil dies von den Erfordernissen der 'Arte Absolutamente Moderno', wie
wir es für uns nannten, ablenken würde.
Wir wollten nicht unsere "Genialität" auf den
Rest der Menschheit loslassen, sondern mit der Menschheit — den bewußten
und un(ter)bewußten Künstlerinnen und Künstlern — kommunizieren,
um gemeinsam an einem Netz der 'Modernsten Kunst' zu arbeiten; den Mehrwert
erforschen und anwenden.
Was nun der Mehrwert der Kunst ist, galt es zu umreißen:
Wir veranstalteten 1985, mit dem Land Nordrhein-Westfalen als Finanzier,
die "Interregionale Mehrwert Vorstellung". Wir luden sechs Menschen oder
Gruppen, die sich selbst nicht unbedingt als Künstlerinnen oder Künstler
bezeichneten, ein, in unseren Galerieräumen in Bielefeld etwas zum
Mehrwert der Kunst — also das, was über das den 'Eigenbedarf' deckende
Engagement hinausgeht — zu veranstalten. So kamen uns nach und nach ein
Gärtner, ein Einbrecher, eine Hysterikerin, eine Musikgruppe, ein
Erfinder und die Hacker des Chaos Computer Club besuchen.
Die Leute vom Chaos Computer Club, damals gerade bekannt
geworden durch den BTX-Hack, brachten interessante Sachen mit. Apfelmännchen,
die sowas wie das Piktogramm des Chaos geworden sind (der Computer brauchte
damals zwei Tage um diese aus einer Mandelbrotmenge generierte Grafik zu
berechnen, bevor sie auf dem Monitor dargestellt wurde) und eine Kaffeetasse,
in der ein bißchen zusammengelötete Elekronik versammelt war:
Das war ein Modem. Heutige Modems arbeiten 95mal so schnell. Damals noch
furchtbar illegal, heute sollen das möglichst alle machen, hangelten
wir uns durch verschiedene Computer in der Welt — die erforschten Wege
zeigten uns die Trampelpfade des Geldes. Sie führten hinein in die
Strukturen, die die Welt erschüttern und sie manchmal auch bewegen.
Zum Wohnblock am Ende unserer Straße führten die Wege nicht.
Die von Nullen und Einsen transportierten Werte hießen Shareholder
Value und auf der ganzen Welt konnten wir durch die Datenkabel hindurch
'Continental Breakfast' riechen.
Wir setzten mit Café con Leche und saftigem
Mozzarella mit frischen Tomaten und Basilikumblättern dagegen. Mit
der Veranstaltung 'Kunstkongreß' im Hamburger Kunstverein 1988 brachten
wir Kunst, Computer und Netze, nun wir selber ein Teil des Chaos Computer
Clubs geworden, miteinander in Zusammenhang. Uns interessierte, welche
Kompatibilität zwischen Menschen aus verschiedenen Kulturzusammenhängen
herzustellen sei, welche Änderungen in der menschlichen Seele durch
die elektrische Mechanik (Logik oder Elektronik genannt) und ihre unbedingte
Perfektion auftreten würden.
Allerdings interessierte uns nicht das Thema Computertechnologie
an sich. Wir wollten Menschen vernetzen. Wir sahen Computer auch nicht
als etwas furchtbar neues. Hier gab es nichts mehr zu erfinden, sondern
lediglich noch, etwas weiterzuentwickeln. Kleiner zu machen, billiger und
verkäuflicher. Benutzbarer. Es ist völlig egal, ob morgen ('morgen'
ist übrigens ein beliebtes Wort in Computerkreisen) Live-3D-Sex mit
Computer- generierten Kakerlaken, die von indischen Mathematikern programmiert
wurden, möglich ist. Viel interessanter ist, was im Bewußtsein
der Menschen passieren wird. Ob die Möglichkeiten, die die Sensorik
und Steuerungstechnik bringen, die Menschheit einen Schritt weiter in Richtung
"Paradies auf Erden" teleportieren wird. Und ob und wie sich die Definition
von Paradies verändern wird. Werden wir weiterhin westlich-arrogant
denken, daß wir die Erdbevölkerung auf eine Milliarde zusammenstreichen
müssen, werden wir weiter Urlaubshöllen in fernen Ländern
bauen, von denen wir annehmen sollen, daß sie das Paradies sind?
Wird sich der Irrglaube, daß dumm besser ficken kann halten und/oder
werden wir herausfinden, daß Anarchie vor allem Selbstbeherrschung
bedeutet?
Kunst gibt Freiheit. Kunst repräsentiert ein
absolute Nichts — und selbst dieses definierte Nichts existiert nicht.
Hier können wir Schöpfung sein. Wir stellen
in diesem nichtexistierenden Nichts einen Raum fest, der nirgendwo beginnt
und nirgendwo endet: Eine Unendlichkeit. Ein Raum, der niemals nichtexistiert
hat und dessen Existenz niemals enden wird. Also haben wir eine Zeit: Die
Ewigkeit — eine Zeit, die nie begann und niemals enden wird. Damit das
ganze nicht so langweilig statisch bleibt, brauchen wir noch etwas Bewegendes:
Energie, dargestellt als Wechselwirkung kosmischer Musik gebildet aus Sinusschwingungen
und Entscheidungen. Unvergänglich viel Energie, wobei unser Sprachbewußtsein
leider nicht ausreicht, ein Wort zur Verfügung zu stellen, das beinhaltet,
daß diese Energie eben auch nie entstanden ist. (Auch bei den Worten
'Ewigkeit' und 'Unendlichkeit' stellen wir uns leider immer vor, daß
'Ewigkeit' und 'Unendlichkeit' irgendwo einen Anfang hat).
Jetzt definiere ich, daß, wenn ich eine beliebig
definierte Zeiteinheit genau unendlich mal teile, ich eine Einheit "E"
erhalte. Innerhalb dieser Einheit "E" passieren gleichzeitig unendliche
viele Urknalle um uns herum. Über das, was bei einem Urknall passiert,
können Sie sich mittels einer 1976 entstandenen Grafik, die hier in
Hamburg beim Elektronensynchrotron DESY entstanden ist, ein Bild machen.
Und per Zeitraffer können wir in einem dieser Urknalle unser Sonnensystem
ausmachen und auf dem Planeten Erde landen.
Sie sehen: Wir Künstler brauchen viel Freiraum,
damit wir ganz weit sehen können. Keine Hektik, kein Stau, keine Kompromisse,
kein Bier. Wir können uns, uns selbst genügend, in uns selbst
zurückziehen oder, damit das Leben nicht so langweilig statisch ist,
das bewegende Element auf unser flachen Scheibe namens Erde sein. Für
die meisten der sechs Milliarden Künstlerinnen und Künstler ist
das nicht so einfach. Zwischen essen können und nichts zu essen haben
ist ein hoher Grat von Ablenkung auszumachen, der in der Regel den Blick
auf das Wesentliche verstellt. Deshalb hat die Institution der Berufskünstler
durchaus auch noch(!) ihre Berechtigung. Und zwar genau dann, wenn sie
kommunizieren. Und wenn die Art und Weise dieser Kommunikation nicht allein
vom Markt vorgegeben wird.
So war es für uns sehr gut, uns unseres unendlichen
Freiraums sehr bewußt zu sein und unsere Malpalette und Leinwand
sehr genau auszusuchen. Das Weltall mit seiner unendlichen Weite als Leinwand,
darin der Planet Erde als Palette und Menschen, deren Gemeinschaften und
Gesellschaften die Farben darstellen, die ein wirklich interaktives Werk
ergeben, in dem wir selbst als Künstlerinnen und Künstler auch
nur Pigmentkörnchen sind, um zum gemeinsamen Gesamtkunstwerk beizutragen.
Es ist nicht unsere Aufgabe, das Werk nach unserem
Gefallen zu gestalten. Es soll uns und allen anderen Wesenheiten gefallen
— wir sollen es sehen können und wissen: Es ist gut. Unsere Aufgabe
ist behutsame künstlerische Moderation.
Deswegen benötigen wir eine kommunikative Gesellschaft.
Nicht eine Gesellschaft, in der wahlweise Kunst eine weitere Form des Imperialismus
oder Separatismus ist und die Kunst oder gar Kultur bestimmt. Wir benötigen
eine Gesellschaft, in der alle Menschen für sich selber und/oder andere
mitgestalten dürfen, können und sollen.
Wir benötigen keine Informationsgesellschaft,
die nur von sich geben kann — und niemand räumt den Informationsmüll
weg. Es ist ziemlich sinnlos, leicht verdauliche und verkäufliche
Fastfoodinformationshappen als neue Produkte auf Push- oder Pullmedien
abzusondern. Wir brauchen lokale und globale Diskurse, die beim individuellem
menschlichen Geist ansetzen. Wir müssen Menschen Medienkompetenz ermöglichen
und ihnen die Fähigkeit zurückgeben, trotz arbeitsteiliger Zivilisation
sich wieder für sich selbst und ihre Mitwelt zu interessieren. Wir
müssen angenehme Räume im Kommunikationsnetz und in der Wirklichkeit
einrichten (ich nenne sie mal "Reseau d'Ameublement"), damit Menschen sich
dort — wie bei dem eingangs geschilderten Satie-Event, Zeit nehmen und
zusammenfinden können. Wir brauchen in einer Kommunikationsgesellschaft
— mit der sich nebenbei gesagt weitaus mehr Geld verdienen lassen würde,
als mit einer reinen Informationsgesellschaft — den Mut, unsere vereinfachte
Welt wieder komplexer werden zu lassen. Wir müssen groß denken
und dürfen Kunstgewerbe und angewandte Kunst nicht mit Kunst an sich
verwechseln. Schon Erik Satie mahnte, daß wir der Kunst mißtrauen
sollten, denn oft sei sie nur Virtuosität. Die Betonung liegt auf
'nur' — Virtuosität schließt Kunst nicht aus. Uns interessiert,
ob und wie Berufskünstlerinnen und -künstler kommunizieren —
mehr noch, wie sie Kommunikation ermöglichen und ob sie in ihrem Handeln
und Wirken kompromißlos sind und auch über sich selbst hinausdenken
können.
Diese Erwartung stellen wir auch an uns selbst. Zur
documenta 8 (1987) brüskierten wir die Veranstalter und unsere Kolleginnen
damit, daß wir eine Telefonleitung und ein Modem installieren ließen,
zusammen mit dem Projekt Van Gogh TV von Mike Hentz und Karel Dudesek brachten
wir via Modem die poetische Ebene ins Satellitenfernsehen und viele weitere
Events, die als 'Milestones' Hinweise auf unsere eigentliche künstlerische
Dienstleistung gaben. Wir flochten mit an einem Netzwerk, das reine Interaktion
ermöglicht. Kakophonisch anmutende Kommunikationsstrukturen untersuchten
wir auf ihren Wert an Achtsamkeit. Wir stellten fest, daß nicht Information
der Wert an sich ist, sondern die Zeit, die Aufmerksamkeit, die wir anderen
schenken und geschenkt bekommen.
Wir stellten Überlegungen an, wie Software aussehen
muß, die diese Aufmerksamkeit ermöglicht. Wir fanden Programmierer,
die mit uns zusammenarbeiten wollten und die sich die Mühe machten,
sich mit unseren Ideen auseinanderzusetzen. Wir schauten uns unter unseren
Berufskolleginnen und -Kollegen um, gaben ihnen Modems und besorgten ihnen
kostenlosen Zugang zum Netz. Aber selbst die technikgewohnten Videokünstler
kniffen und begriffen nicht, daß sie ihre Chance zur Mitgestaltung
leichtfertig aufgaben. Heute sind sie dazu verdammt, quasi als Hofnarren
der Industrie, Webseiten zu basteln und als freie Angestellte von MacByte
mehr oder weniger hübsch verpackte Infoburger an besinnungslose Büromenschen
zu verfüttern. Das ist ein großer Verlust für die Kunst
und wer sich durch Virtuosität nicht blenden läßt, weiß,
daß dieser Verlust durch Malwettbewerbe zwar gemildert, aber nicht
wieder wett gemacht werden kann.
Um den Unterschied der Herangehensweise zu verdeutlichen
soll hier ein Beispiel stehen. Wir haben seit 1992 mitgeholfen, das ZaMir
Transnational Network, das Friedensnetzwerk in den Ländern des ehemaligen
Jugoslawiens, aufzubauen. Die meisten Netzteilnehmer/innen arbeiten hier
mit sogenannten "Pointprogrammen". Das heißt, sie lesen und schreiben
nicht 'online', sondern sie bestellen sich die für sie interessanten
Themenbereiche bei ihrer MailBox. Diese Nachrichten werden dort zusammen
mit der persönlichen Post als eine komprimierte Datei zur Abholung
bereitlegt. Das Datenpaket wird per Modem mit einem kurzen Telefonanruf
auf den heimischen Rechner herübergeholt, aufgelegt und dann in aller
Ruhe 'offline' die Nachrichten gelesen und bearbeitet, ohne daß der
Telefongebührenzähler rattert. Damit verteilen sich die Anrufe
der Netzteilnehmer/innen über den ganzen Tag, sie sind auch viel kürzer
– so sparen nicht nur die einzelnen Netzteilnehmer/innen Telefonkosten,
sondern so ist es möglich, sehr viele Menschen mit nur wenigen Telefonleitungen
zu bedienen. In Zagreb z.B. werden 1300 Teilnehmer mit nur 3 Telefonleitungen
bedient. Unwichtiges technisches Detail? Nein, denn die Einrichtung einer
neuen Telefonleitung kostet in Kroatien runde 1.500 DM und kann Jahre dauern!
Berliner Künstler fragten uns, wo denn in Sarajevo
der beste Platz für eine 'Webcam' sei. Also eine Kamera, die auf Anforderung
Livebilder sendet. Hier wurde bei uns nicht mit einer künstlerischen
Intension angefragt, sondern nach dem barbarischen Gegenteil: Damit sich
Büroangestellte Bilder einer brennenden Stadt ansehen können,
soll für den eigenen Spaß eine unverantwortliche (und damals
auch unmögliche) Bandbreitenverschwendung stattfinden. Wir hätten
von außen auf das Unglück von realexistierenden Menschen draufglotzen
können: Die Installation hätte den vom Krieg betroffenen Menschen
selbst keinerlei Vorteile eingebracht. Sie wäre nur obszön gewesen
— genauso pornographisch, wie die Auflistung der Opfer des Bombenanschlags
von Oklahoma mit akribisch aktualisierten Angaben darüber, in welchem
der Krankenhäuser sie liegen, wie schwer ihre Verletzungen sind und
— memento mori — und wer bereits gestorben ist - vielleicht sogar, bevor
die eigenen Angehörigen informiert waren.
In den 80er Jahren beklagte sich die Punkgruppe New
Model Army, daß sie immer nur das bekommen, wonach sie fragen, aber
nie das, was sie brauchen. Und auch immer mehr 'sogenannte' Künstlerinnen
und Künstler neigen mehr dazu, die Gesellschaft zu bedienen, statt
zu dienen. Zugegeben, es ist schwer sich der Trendforschung und Dreimonatsbilanz
zu verweigern. Künstlerische Einflußnahme heute muß sich
mit Geist- und Geldstrukturen auseinandersetzen, der Blick muß in
die Unendlichkeit gehen und das Handeln muß auf der realexistierenden
flachen Weltscheibe mit allen ihren Möglichkeiten stattfinden. Vor
vielen Jahren plädierten wir, die Rüstungsetats in Kulturetats
umzuwandeln. Das ist heute schon fast geschafft: Rüstungskonzerne
sind zu Kommunikationskonzernen konvertiert — und miteinander zu kommunizieren
(was auch schweigen einschließt!) ist die Voraussetzung dafür,
daß Kunst Kultur werden kann.
Die wichtigste künstlerische Aufgabe zur Zeit
ist, sehr sehr klar zu machen, daß im Kommunikationszeitalter nicht
das Produkt die mehrwertschaffende Einheit ist, sondern die Ermöglichung
von Kommunikation.
Da es uns zuwider ist, nur zu theoretisieren und wir
sicher sind, daß nur die Umsetzung die nötige Erfahrung vermittelt,
haben wir (stets in kommunikativer und handelnder Kooperation mit vielen
anderen!) Modelle geschaffen, die sich mehr dem annähern, was gebraucht
wird, als dem, was nachgefragt wird. Unsere Netzvision, die einen permanenten
gesellschaftlichen Diskurs ermöglicht, funktioniert seit mehr als
10 Jahren flächendeckend und selbstfinanziert. Mit ihnen ist realisiert,
was den Anfängen der Selbstbestimmung einer Gesellschaft fehlte: Demokratie
durch Teilnahme. Bisher ist so gut wie kein öffentliches oder industrielles
Geld in die Urbarmachung dieses riesigen brachliegenden Kapitals geflossen.
Lediglich unsere Vision von Globalen Dorfbrunnen hat sich zu "Internetcafés"
pervertiert und verbreitet. Das ärgert uns natürlich ein bißchen,
aber wir haben festgestellt, daß eben auch die Industrie und die
Gesellschaft selbst ihre Fehler machen darf und darüber überhaupt
erst lernen kann, die Fragen zu stellen, die wir beantworten können.
Damit wird zwar die ganze Angelegenheit um ein paar Milliarden Mark verteuert
— aber da (wie schon Konfuzius sagte) in jeder schlechten Sache etwas gutes
steckt, das herausmöchte, ist auch das nicht besonders schlimm. Geld
ist ja schließlich nie weg, sondern lediglich woanders. So verdienen
sich heute ehemalige Künstler ihr tägliches Brot mit Webbasteleien,
Glasfaserkabel werden in guter Hoffnung gelegt und wir können, wenn
wir gelassen bleiben, uns in Ruhe auf eine schwere Geburt der Problemlösungsgesellschaft
vorbereiten. Wir haben die Sicherheit, daß an unseren Vorstellungen
und Visionen kein Weg vorbeiführen kann. Es ist auch nicht so wichtig,
ob das heute oder morgen passiert. Es ist lediglich Verschwendung von Potential.
Es ärgert mich persönlich nur als Mensch, nicht als Künstler.
Ich möchte zum Schluß kommen.
Ich danke für das Wagnis, mich hier sprechen
zu lassen. Ich selber habe mich über die Einladung sehr gefreut, gab
sie mir doch einen Anlaß und damit die Muße, mich selbst einmal
wieder über den Zusammenhang von Kunst und Netz klarzuwerden — und
zwang mich auch, mich vielleicht etwas verständlicher zu geben, als
es sonst meine Gewohnheit ist. Kunst ist für Rena Tangens und mich
so eine Selbstverständlichkeit für den Dienstleistungsteil unsere
Arbeit, daß wir die explizite Erwähnung des Wortes Kunst lieber
vermeiden. Es verwirrt die Menschen, Medien und andere Künstlerinnen
und Künstler immer noch sehr, wenn wir ihnen in unserer Galerie die
Dauerausstellung "Büro — eine Installation der Wirklichkeit" zeigen
und in diesem Büro auch wirklich arbeiten. Es hat viele Menschen erstaunt,
daß wir lieber selbstfinanziert auf einer Messe wie der Hannover
CeBIT ausstellen und andere, künstlerische Events lieber meiden —
oft auch wegen einer vorhergehenden Analyse von Kosten und künstlerischem
Nutzen. Wir würden uns freuen, wenn Kunstmarkt, Kuratoren von Ausstellungen
und Vergeber von Geldmitteln begreifen würden, daß es heute
ganz anderer Rahmenbedingungen zum künstlerischen Wirken und Werken
bedarf. Daß wir nicht nur in der Aera der Prozeßsteuerung leben,
sondern daß da auch Prozesse sind, die anzustoßen und zu steuern
sind. Sie müssen ihre in 'angekauften Kunstwerken' manifestierte Angst
vor Chaostheorie und thermodynamischen Strukturen verlieren, damit die
Kunst die 'Pole Position' einnehmen kann, wo sie hingehört. War dieser
'Webbewerb' also der Anlaß, daß ich hier spreche, so waren
die letzen Sätze der Grund, warum ich hier stehe.
Aber eine Frage sei auch mir gestattet: Warum sind
SIE hier? Sind Sie hier wegen eines Anlasses versammelt oder haben Sie
auch einen Grund? Was ist IHRE Aufgabe in der Kunst? |