VORTRAG ANLÄßLICH DER PREISVERLEIHUNG DES WETTBEWERBS 'EXTENSION', HAMBURG, 14. SEPTEMBER 1997 
RESEAU D'AMEUBLEMENT
 
 
 
VON PADELUUN, BIELEFELD
 
Stellen Sie sich diesen Raum mal ganz anders vor. Kleine Sitzgruppen, Sofas, etwas höher, große Fenster mit einem Ausblick auf wunderschöne Landschaften. Bücher liegen griffbereit. Alles ist in weiß gehalten. Auch die erlesenen Speisen und Getränke werden von der Farbe weiß geprägt. Der Konzertflügel, der dort drüben stehen würden wäre schwarz und ein paar Betten sind auch vorhanden. In diesem Raum würden wir uns gemeinsam 14 Stunden — vom Nachmittag bis zum frühen Morgen — aufhalten, während zwei Pianisten 840mal die angenehme Melodie von Erik Saties "Vexations" der "Pages Mystiques" spielen würden. 

 Am Anfang noch lauschen Sie ehrfürchtig. Wie bei einem Konzert. Niemand wagt ein Wort zu sprechen. Nach einiger Zeit flüstert jemand vorsichtig hinter vorgehaltener Hand. Ein Rascheln. Jemand steht auf und setzt sich auf einen anderen Platz. Sie sprechen ihn an. Eine leise Unterhaltung beginnt. Ein Niesen. "Gesundheit!" wünscht die Pianistin. Später holen Sie zwei Gläser (Weiß-)Wein vom Büfett und noch etwas später machen Sie es sich vielleicht doch auf einem der Betten bequem, während auf der anderen Seite des Raums an einem Tisch Karten gemischt werden. Eine junge Frau hat eine weiße Matte und sich selbst unter den Flügel gelegt. Sie lauscht und meditiert. 

Eine geistvolle, friedliche Atmosphäre. Kunst als Anlaß, um von etwas abzulenken und auf etwas anderes hinzuweisen. Eine Erfahrung von Zeit; Kunst ohne Künstler und Sie selbst ein Teil davon. Kunst nicht als Werk, sondern als Prozeß — kein Produkt entsteht, sondern etwas, das mit Ihrer Erinnerung, Ihrem Geist und Herzen kommuniziert und dort fortbesteht. 

Erik Satie, der französische Komponist, der um die letzte Jahrhundertwende lebte und wirkte, nannte dies "Musique d'Ameublement". Eine Musik, die die angenehme Atmosphäre eines Raums mitgestalten soll, wie das Licht, die Einrichtung, der Duft, der von den Blumenbeeten durch die offenen Fenster hereingetragen wird. 

So wie Erik Satie seine Musik verwendet sehen wollte, so wollen wir — Rena Tangens und ich — Kunst geschehen lassen. Kunst als Teil des Alltags. Mit unserem Projekt Art d'Ameublement arbeiten wir seit vielen Jahren bemüht bescheiden und scheinbar unspektakulär. Uns trieb die Frage, was denn nun nach Beuys'scher Theorie "Alle Menschen sind Künstler" und Ives Kleins "Alles ist Kunst", nun denn die Aufgabe der Kunst sei. Da war doch immerhin das tiefe Gefühl (für uns gleichbedeutend mit Gewißheit), daß Berufskünstler auf dieser Welt noch gebraucht werden. 

Dazu mußten wir viel Ballast abwerfen: Bilder und Skulpturen, Performances, Installationen, Film, Video, Musik, Freundlichkeiten, Sektempfänge und die Erwartung "verstanden" oder gar akzeptiert zu werden. Es durfte nichts Vermittel- oder gar Kaufbares übrigbleiben, weil dies von den Erfordernissen der 'Arte Absolutamente Moderno', wie wir es für uns nannten, ablenken würde. 

Wir wollten nicht unsere "Genialität" auf den Rest der Menschheit loslassen, sondern mit der Menschheit — den bewußten und un(ter)bewußten Künstlerinnen und Künstlern — kommunizieren, um gemeinsam an einem Netz der 'Modernsten Kunst' zu arbeiten; den Mehrwert erforschen und anwenden. 

Was nun der Mehrwert der Kunst ist, galt es zu umreißen: Wir veranstalteten 1985, mit dem Land Nordrhein-Westfalen als Finanzier, die "Interregionale Mehrwert Vorstellung". Wir luden sechs Menschen oder Gruppen, die sich selbst nicht unbedingt als Künstlerinnen oder Künstler bezeichneten, ein, in unseren Galerieräumen in Bielefeld etwas zum Mehrwert der Kunst — also das, was über das den 'Eigenbedarf' deckende Engagement hinausgeht — zu veranstalten. So kamen uns nach und nach ein Gärtner, ein Einbrecher, eine Hysterikerin, eine Musikgruppe, ein Erfinder und die Hacker des Chaos Computer Club besuchen. 

Die Leute vom Chaos Computer Club, damals gerade bekannt geworden durch den BTX-Hack, brachten interessante Sachen mit. Apfelmännchen, die sowas wie das Piktogramm des Chaos geworden sind (der Computer brauchte damals zwei Tage um diese aus einer Mandelbrotmenge generierte Grafik zu berechnen, bevor sie auf dem Monitor dargestellt wurde) und eine Kaffeetasse, in der ein bißchen zusammengelötete Elekronik versammelt war: Das war ein Modem. Heutige Modems arbeiten 95mal so schnell. Damals noch furchtbar illegal, heute sollen das möglichst alle machen, hangelten wir uns durch verschiedene Computer in der Welt — die erforschten Wege zeigten uns die Trampelpfade des Geldes. Sie führten hinein in die Strukturen, die die Welt erschüttern und sie manchmal auch bewegen. Zum Wohnblock am Ende unserer Straße führten die Wege nicht. Die von Nullen und Einsen transportierten Werte hießen Shareholder Value und auf der ganzen Welt konnten wir durch die Datenkabel hindurch 'Continental Breakfast' riechen. 

Wir setzten mit Café con Leche und saftigem Mozzarella mit frischen Tomaten und Basilikumblättern dagegen. Mit der Veranstaltung 'Kunstkongreß' im Hamburger Kunstverein 1988 brachten wir Kunst, Computer und Netze, nun wir selber ein Teil des Chaos Computer Clubs geworden, miteinander in Zusammenhang. Uns interessierte, welche Kompatibilität zwischen Menschen aus verschiedenen Kulturzusammenhängen herzustellen sei, welche Änderungen in der menschlichen Seele durch die elektrische Mechanik (Logik oder Elektronik genannt) und ihre unbedingte Perfektion auftreten würden. 

Allerdings interessierte uns nicht das Thema Computertechnologie an sich. Wir wollten Menschen vernetzen. Wir sahen Computer auch nicht als etwas furchtbar neues. Hier gab es nichts mehr zu erfinden, sondern lediglich noch, etwas weiterzuentwickeln. Kleiner zu machen, billiger und verkäuflicher. Benutzbarer. Es ist völlig egal, ob morgen ('morgen' ist übrigens ein beliebtes Wort in Computerkreisen) Live-3D-Sex mit Computer- generierten Kakerlaken, die von indischen Mathematikern programmiert wurden, möglich ist. Viel interessanter ist, was im Bewußtsein der Menschen passieren wird. Ob die Möglichkeiten, die die Sensorik und Steuerungstechnik bringen, die Menschheit einen Schritt weiter in Richtung "Paradies auf Erden" teleportieren wird. Und ob und wie sich die Definition von Paradies verändern wird. Werden wir weiterhin westlich-arrogant denken, daß wir die Erdbevölkerung auf eine Milliarde zusammenstreichen müssen, werden wir weiter Urlaubshöllen in fernen Ländern bauen, von denen wir annehmen sollen, daß sie das Paradies sind? Wird sich der Irrglaube, daß dumm besser ficken kann halten und/oder werden wir herausfinden, daß Anarchie vor allem Selbstbeherrschung bedeutet? 

Kunst gibt Freiheit. Kunst repräsentiert ein absolute Nichts — und selbst dieses definierte Nichts existiert nicht. 

Hier können wir Schöpfung sein. Wir stellen in diesem nichtexistierenden Nichts einen Raum fest, der nirgendwo beginnt und nirgendwo endet: Eine Unendlichkeit. Ein Raum, der niemals nichtexistiert hat und dessen Existenz niemals enden wird. Also haben wir eine Zeit: Die Ewigkeit — eine Zeit, die nie begann und niemals enden wird. Damit das ganze nicht so langweilig statisch bleibt, brauchen wir noch etwas Bewegendes: Energie, dargestellt als Wechselwirkung kosmischer Musik gebildet aus Sinusschwingungen und Entscheidungen. Unvergänglich viel Energie, wobei unser Sprachbewußtsein leider nicht ausreicht, ein Wort zur Verfügung zu stellen, das beinhaltet, daß diese Energie eben auch nie entstanden ist. (Auch bei den Worten 'Ewigkeit' und 'Unendlichkeit' stellen wir uns leider immer vor, daß 'Ewigkeit' und 'Unendlichkeit' irgendwo einen Anfang hat). 

Jetzt definiere ich, daß, wenn ich eine beliebig definierte Zeiteinheit genau unendlich mal teile, ich eine Einheit "E" erhalte. Innerhalb dieser Einheit "E" passieren gleichzeitig unendliche viele Urknalle um uns herum. Über das, was bei einem Urknall passiert, können Sie sich mittels einer 1976 entstandenen Grafik, die hier in Hamburg beim Elektronensynchrotron DESY entstanden ist, ein Bild machen. Und per Zeitraffer können wir in einem dieser Urknalle unser Sonnensystem ausmachen und auf dem Planeten Erde landen. 

Sie sehen: Wir Künstler brauchen viel Freiraum, damit wir ganz weit sehen können. Keine Hektik, kein Stau, keine Kompromisse, kein Bier. Wir können uns, uns selbst genügend, in uns selbst zurückziehen oder, damit das Leben nicht so langweilig statisch ist, das bewegende Element auf unser flachen Scheibe namens Erde sein. Für die meisten der sechs Milliarden Künstlerinnen und Künstler ist das nicht so einfach. Zwischen essen können und nichts zu essen haben ist ein hoher Grat von Ablenkung auszumachen, der in der Regel den Blick auf das Wesentliche verstellt. Deshalb hat die Institution der Berufskünstler durchaus auch noch(!) ihre Berechtigung. Und zwar genau dann, wenn sie kommunizieren. Und wenn die Art und Weise dieser Kommunikation nicht allein vom Markt vorgegeben wird.

So war es für uns sehr gut, uns unseres unendlichen Freiraums sehr bewußt zu sein und unsere Malpalette und Leinwand sehr genau auszusuchen. Das Weltall mit seiner unendlichen Weite als Leinwand, darin der Planet Erde als Palette und Menschen, deren Gemeinschaften und Gesellschaften die Farben darstellen, die ein wirklich interaktives Werk ergeben, in dem wir selbst als Künstlerinnen und Künstler auch nur Pigmentkörnchen sind, um zum gemeinsamen Gesamtkunstwerk beizutragen. 
Es ist nicht unsere Aufgabe, das Werk nach unserem Gefallen zu gestalten. Es soll uns und allen anderen Wesenheiten gefallen — wir sollen es sehen können und wissen: Es ist gut. Unsere Aufgabe ist behutsame künstlerische Moderation. 

Deswegen benötigen wir eine kommunikative Gesellschaft. Nicht eine Gesellschaft, in der wahlweise Kunst eine weitere Form des Imperialismus oder Separatismus ist und die Kunst oder gar Kultur bestimmt. Wir benötigen eine Gesellschaft, in der alle Menschen für sich selber und/oder andere mitgestalten dürfen, können und sollen.

Wir benötigen keine Informationsgesellschaft, die nur von sich geben kann — und niemand räumt den Informationsmüll weg. Es ist ziemlich sinnlos, leicht verdauliche und verkäufliche Fastfoodinformationshappen als neue Produkte auf Push- oder Pullmedien abzusondern. Wir brauchen lokale und globale Diskurse, die beim individuellem menschlichen Geist ansetzen. Wir müssen Menschen Medienkompetenz ermöglichen und ihnen die Fähigkeit zurückgeben, trotz arbeitsteiliger Zivilisation sich wieder für sich selbst und ihre Mitwelt zu interessieren. Wir müssen angenehme Räume im Kommunikationsnetz und in der Wirklichkeit einrichten (ich nenne sie mal "Reseau d'Ameublement"), damit Menschen sich dort — wie bei dem eingangs geschilderten Satie-Event, Zeit nehmen und zusammenfinden können. Wir brauchen in einer Kommunikationsgesellschaft — mit der sich nebenbei gesagt weitaus mehr Geld verdienen lassen würde, als mit einer reinen Informationsgesellschaft — den Mut, unsere vereinfachte Welt wieder komplexer werden zu lassen. Wir müssen groß denken und dürfen Kunstgewerbe und angewandte Kunst nicht mit Kunst an sich verwechseln. Schon Erik Satie mahnte, daß wir der Kunst mißtrauen sollten, denn oft sei sie nur Virtuosität. Die Betonung liegt auf 'nur' — Virtuosität schließt Kunst nicht aus. Uns interessiert, ob und wie Berufskünstlerinnen und -künstler kommunizieren — mehr noch, wie sie Kommunikation ermöglichen und ob sie in ihrem Handeln und Wirken kompromißlos sind und auch über sich selbst hinausdenken können. 

Diese Erwartung stellen wir auch an uns selbst. Zur documenta 8 (1987) brüskierten wir die Veranstalter und unsere Kolleginnen damit, daß wir eine Telefonleitung und ein Modem installieren ließen, zusammen mit dem Projekt Van Gogh TV von Mike Hentz und Karel Dudesek brachten wir via Modem die poetische Ebene ins Satellitenfernsehen und viele weitere Events, die als 'Milestones' Hinweise auf unsere eigentliche künstlerische Dienstleistung gaben. Wir flochten mit an einem Netzwerk, das reine Interaktion ermöglicht. Kakophonisch anmutende Kommunikationsstrukturen untersuchten wir auf ihren Wert an Achtsamkeit. Wir stellten fest, daß nicht Information der Wert an sich ist, sondern die Zeit, die Aufmerksamkeit, die wir anderen schenken und geschenkt bekommen. 

Wir stellten Überlegungen an, wie Software aussehen muß, die diese Aufmerksamkeit ermöglicht. Wir fanden Programmierer, die mit uns zusammenarbeiten wollten und die sich die Mühe machten, sich mit unseren Ideen auseinanderzusetzen. Wir schauten uns unter unseren Berufskolleginnen und -Kollegen um, gaben ihnen Modems und besorgten ihnen kostenlosen Zugang zum Netz. Aber selbst die technikgewohnten Videokünstler kniffen und begriffen nicht, daß sie ihre Chance zur Mitgestaltung leichtfertig aufgaben. Heute sind sie dazu verdammt, quasi als Hofnarren der Industrie, Webseiten zu basteln und als freie Angestellte von MacByte mehr oder weniger hübsch verpackte Infoburger an besinnungslose Büromenschen zu verfüttern. Das ist ein großer Verlust für die Kunst und wer sich durch Virtuosität nicht blenden läßt, weiß, daß dieser Verlust durch Malwettbewerbe zwar gemildert, aber nicht wieder wett gemacht werden kann. 

Um den Unterschied der Herangehensweise zu verdeutlichen soll hier ein Beispiel stehen. Wir haben seit 1992 mitgeholfen, das ZaMir Transnational Network, das Friedensnetzwerk in den Ländern des ehemaligen Jugoslawiens, aufzubauen. Die meisten Netzteilnehmer/innen arbeiten hier mit sogenannten "Pointprogrammen". Das heißt, sie lesen und schreiben nicht 'online', sondern sie bestellen sich die für sie interessanten Themenbereiche bei ihrer MailBox. Diese Nachrichten werden dort zusammen mit der persönlichen Post als eine komprimierte Datei zur Abholung bereitlegt. Das Datenpaket wird per Modem mit einem kurzen Telefonanruf auf den heimischen Rechner herübergeholt, aufgelegt und dann in aller Ruhe 'offline' die Nachrichten gelesen und bearbeitet, ohne daß der Telefongebührenzähler rattert. Damit verteilen sich die Anrufe der Netzteilnehmer/innen über den ganzen Tag, sie sind auch viel kürzer – so sparen nicht nur die einzelnen Netzteilnehmer/innen Telefonkosten, sondern so ist es möglich, sehr viele Menschen mit nur wenigen Telefonleitungen zu bedienen. In Zagreb z.B. werden 1300 Teilnehmer mit nur 3 Telefonleitungen bedient. Unwichtiges technisches Detail? Nein, denn die Einrichtung einer neuen Telefonleitung kostet in Kroatien runde 1.500 DM und kann Jahre dauern! 

Berliner Künstler fragten uns, wo denn in Sarajevo der beste Platz für eine 'Webcam' sei. Also eine Kamera, die auf Anforderung Livebilder sendet. Hier wurde bei uns nicht mit einer künstlerischen Intension angefragt, sondern nach dem barbarischen Gegenteil: Damit sich Büroangestellte Bilder einer brennenden Stadt ansehen können, soll für den eigenen Spaß eine unverantwortliche (und damals auch unmögliche) Bandbreitenverschwendung stattfinden. Wir hätten von außen auf das Unglück von realexistierenden Menschen draufglotzen können: Die Installation hätte den vom Krieg betroffenen Menschen selbst keinerlei Vorteile eingebracht. Sie wäre nur obszön gewesen — genauso pornographisch, wie die Auflistung der Opfer des Bombenanschlags von Oklahoma mit akribisch aktualisierten Angaben darüber, in welchem der Krankenhäuser sie liegen, wie schwer ihre Verletzungen sind und — memento mori — und wer bereits gestorben ist - vielleicht sogar, bevor die eigenen Angehörigen informiert waren. 

In den 80er Jahren beklagte sich die Punkgruppe New Model Army, daß sie immer nur das bekommen, wonach sie fragen, aber nie das, was sie brauchen. Und auch immer mehr 'sogenannte' Künstlerinnen und Künstler neigen mehr dazu, die Gesellschaft zu bedienen, statt zu dienen. Zugegeben, es ist schwer sich der Trendforschung und Dreimonatsbilanz zu verweigern. Künstlerische Einflußnahme heute muß sich mit Geist- und Geldstrukturen auseinandersetzen, der Blick muß in die Unendlichkeit gehen und das Handeln muß auf der realexistierenden flachen Weltscheibe mit allen ihren Möglichkeiten stattfinden. Vor vielen Jahren plädierten wir, die Rüstungsetats in Kulturetats umzuwandeln. Das ist heute schon fast geschafft: Rüstungskonzerne sind zu Kommunikationskonzernen konvertiert — und miteinander zu kommunizieren (was auch schweigen einschließt!) ist die Voraussetzung dafür, daß Kunst Kultur werden kann. 

Die wichtigste künstlerische Aufgabe zur Zeit ist, sehr sehr klar zu machen, daß im Kommunikationszeitalter nicht das Produkt die mehrwertschaffende Einheit ist, sondern die Ermöglichung von Kommunikation. 

Da es uns zuwider ist, nur zu theoretisieren und wir sicher sind, daß nur die Umsetzung die nötige Erfahrung vermittelt, haben wir (stets in kommunikativer und handelnder Kooperation mit vielen anderen!) Modelle geschaffen, die sich mehr dem annähern, was gebraucht wird, als dem, was nachgefragt wird. Unsere Netzvision, die einen permanenten gesellschaftlichen Diskurs ermöglicht, funktioniert seit mehr als 10 Jahren flächendeckend und selbstfinanziert. Mit ihnen ist realisiert, was den Anfängen der Selbstbestimmung einer Gesellschaft fehlte: Demokratie durch Teilnahme. Bisher ist so gut wie kein öffentliches oder industrielles Geld in die Urbarmachung dieses riesigen brachliegenden Kapitals geflossen. Lediglich unsere Vision von Globalen Dorfbrunnen hat sich zu "Internetcafés" pervertiert und verbreitet. Das ärgert uns natürlich ein bißchen, aber wir haben festgestellt, daß eben auch die Industrie und die Gesellschaft selbst ihre Fehler machen darf und darüber überhaupt erst lernen kann, die Fragen zu stellen, die wir beantworten können. Damit wird zwar die ganze Angelegenheit um ein paar Milliarden Mark verteuert — aber da (wie schon Konfuzius sagte) in jeder schlechten Sache etwas gutes steckt, das herausmöchte, ist auch das nicht besonders schlimm. Geld ist ja schließlich nie weg, sondern lediglich woanders. So verdienen sich heute ehemalige Künstler ihr tägliches Brot mit Webbasteleien, Glasfaserkabel werden in guter Hoffnung gelegt und wir können, wenn wir gelassen bleiben, uns in Ruhe auf eine schwere Geburt der Problemlösungsgesellschaft vorbereiten. Wir haben die Sicherheit, daß an unseren Vorstellungen und Visionen kein Weg vorbeiführen kann. Es ist auch nicht so wichtig, ob das heute oder morgen passiert. Es ist lediglich Verschwendung von Potential. Es ärgert mich persönlich nur als Mensch, nicht als Künstler. 

Ich möchte zum Schluß kommen. 

Ich danke für das Wagnis, mich hier sprechen zu lassen. Ich selber habe mich über die Einladung sehr gefreut, gab sie mir doch einen Anlaß und damit die Muße, mich selbst einmal wieder über den Zusammenhang von Kunst und Netz klarzuwerden — und zwang mich auch, mich vielleicht etwas verständlicher zu geben, als es sonst meine Gewohnheit ist. Kunst ist für Rena Tangens und mich so eine Selbstverständlichkeit für den Dienstleistungsteil unsere Arbeit, daß wir die explizite Erwähnung des Wortes Kunst lieber vermeiden. Es verwirrt die Menschen, Medien und andere Künstlerinnen und Künstler immer noch sehr, wenn wir ihnen in unserer Galerie die Dauerausstellung "Büro — eine Installation der Wirklichkeit" zeigen und in diesem Büro auch wirklich arbeiten. Es hat viele Menschen erstaunt, daß wir lieber selbstfinanziert auf einer Messe wie der Hannover CeBIT ausstellen und andere, künstlerische Events lieber meiden — oft auch wegen einer vorhergehenden Analyse von Kosten und künstlerischem Nutzen. Wir würden uns freuen, wenn Kunstmarkt, Kuratoren von Ausstellungen und Vergeber von Geldmitteln begreifen würden, daß es heute ganz anderer Rahmenbedingungen zum künstlerischen Wirken und Werken bedarf. Daß wir nicht nur in der Aera der Prozeßsteuerung leben, sondern daß da auch Prozesse sind, die anzustoßen und zu steuern sind. Sie müssen ihre in 'angekauften Kunstwerken' manifestierte Angst vor Chaostheorie und thermodynamischen Strukturen verlieren, damit die Kunst die 'Pole Position' einnehmen kann, wo sie hingehört. War dieser 'Webbewerb' also der Anlaß, daß ich hier spreche, so waren die letzen Sätze der Grund, warum ich hier stehe. 

Aber eine Frage sei auch mir gestattet: Warum sind SIE hier? Sind Sie hier wegen eines Anlasses versammelt oder haben Sie auch einen Grund? Was ist IHRE Aufgabe in der Kunst?

 
 

Art d'Ameublement 
Rena Tangens & padeluun 
Marktstr. 18, D-33602 Bielefeld 
Tel: 0521-61193 + 0521-65566, Fax: 0521-61172 
eMail: padeluun@bionic.zerberus.de  
Infoklick: http://www.foebud.org/art  

//ppc