Warum Ratten leise singen
GajolaSie wird sich ein bißchen in mich verlieben.Wir standen gemeinsam beim Einchequen und legten zusammen unsere Tickets auf den Counter. Sie hatte dieses Blitzen in den Augen, das so deutlich für Lebensweisheit, Lebenswillen und Lebensfreude steht. Diese unaufgesetzte Erotik, die aus dem unbedingten Willen, etwas wissen zu wollen resultiert. Ich spürte dieses vorauswissende, wehmütige Lächeln in meinem Gesicht, das mich immer in solchen Situationen heimsucht. Ich würde mich ein bißchen in sie verlieben und in ein paar Stunden würde der Flug zu Ende sein und wir würden uns nie wieder sehen. "Bitte zähme mich, sagte der Fuchs", sagte ich zu ihr und sie lachte spitzbübisch. Es war noch Zeit bis zum Boarding; ein Flughafencafé bettelte um milde Gaben. Mit ein wenig Verhandlungsgeschick war der junge Kellner sogar bereit zwei Apfelsaftschorle aus je einem Fläschlein Mineralwasser und Apfelsaft zusammenzumischen und zu bringen. Eine trinkgeldreife Leistung. "Wie heißen Sie, oder vielmehr, wer sind Sie?", fragte ich. "Hmmm..." antwortete sie, "das klingt nicht nach dem üblichen geistlosen, langweiligen 'Lernen-wir-uns-kennen"-Gesülze" rezitierte sie mit einem ganz bestimmten Tonfall. "Wie schmeckt eigentlich so ein Fünf-Dollar-Apfelsaftschorle" konterte ich breit grinsend, "die tun da keinen Bourbon da rein oder so was?" Wenn noch Eis gebrochen hätte werden müssen, dann wäre
in diesem Moment ein lautes und deutliches "Knack" zu hören gewesen.
Erst vier mal (einmal davon im Original) hatte ich PULP FICTION gesehen,
sie siebenmal. Und plötzlich sah ich in ihren Augen auch das Leiden,
das sie kannte. Nicht nur das konkrete eigene - längst verwundene
- Leiden (sofern es je zu verwinden ist), sondern dieses Mitleiden, das
zum Mitfühlen gereift ist. PULP FICTION als Zwischenbilanz und Ventil.
Statt bewaffnetem Straßenkampf und Geiselnahmen, um nicht wieder
auf die Idee zu kommen, die scheinbar einfachere Lösung zu favorisieren.
Sondern mit viel Geduld und Achtsamkeit Menschen zu begegnen und auch,
wenn es sein muß, ihnen entgegenzutreten. Ich fühlte mich zuhause.
"Und Sie.....?" "Ich heiße padeluun, bin von Beruf Künstler...", "...Sie leben in Bielefeld und stellen die ZERBERUS-MailBox-Software her." Ich schaute auf meine Tasche, aber das Adressschild war verdeckt. Ich schaute sie fragend an. "Auch ich habe eine eMail-Adresse - und auf Sie war ich schon immer mal neugierig. Ich hoffe, Sie erzählen mir auf dem Flug alles über Ihren "Bielefeldversuch" und warum Sie Ihre Arbeit als Kunst bezeichnen." Sie war über die Frauennetze WOMAN und FEMNET auf die Möglichkeiten der Datennetze gestoßen. Von dort kam sie in das /CL-Netz und betreute nun die Technik eines MailBox-Systems. "Klar, daß ich auf Ihren ZERBERUS-Anstecker am Anzug sofort reagiert habe..." Und ich hatte gedacht, daß mein unvergleichlicher Charme, meine Ausstrahlung und mein angenehmes Äußeres sie für mich eingenommen hätte. Sie las meine Gedanken, lachte und streichelte mir freundlich über die Wange. Mein Zwerchfell verwandelte sich in einen Velourteppichboden. Wie hört sich eine MailBox an?Ich ging einfach mal davon aus, daß sie es wirklich wissen wollte, nicht nur um der Konversation willen. Während wir am Ende der Schlange alle anderen Fluggäste vorließen, begann ich von fast ganz vorne."1984 gründeten wir, meine Freundin Rena Tangens und ich, das Projekt und die Galerie Art d'Ameublement in Bielefeld. Namenspate dabei stand der französische Komponist Erik Satie und dessen 'Musique d'Ameublement'. Musique d'Ameublement ist Musik nicht zum ehrfürchtigen Zuhören, sondern Musik als ein Teil der Einrichtung des Raumes, der Atmosphäre, wie ein Stuhl oder die Wärme. Die 'Pages Mystiques' von Erik Satie bestehen aus einem Vor- und einem Nachspiel sowie einem Mittelteil von einer Minute Dauer. Auf Empfehlungung des Komponisten ist dieser aber 840 Mal zu wiederholen, wodurch eine gepflegte Aufführung der Pages Mystiques etwa 15 Stunden dauert. Dieses Stück haben wir mit Karin Kettling und Ulrich Sperl als Pianistin und Pianist in verschiedenen Städten in Deutschland aufgeführt. Wir haben dabei den Raum so eingerichtet, daß es für die Besucher in der Tat angenehm war, die ganzen 15 Stunden dabeizubleiben: Stühle und Tische in lockerer Anordnung, Liegen zum Ausruhen, Bücher und Spiele, ein Buffet mit weißen Speisen und irgendwo mittendrin der Flügel. Art d'Ameublement - Modernste Kunst - hat keine Produkte, sie manifestiert sich im Prozess. Wir nennen es 'Rahmenbau'. Nicht dem inhaltlichen Schein die zu große Bedeutung zukommen zu lassen, sondern das Umfeld, dem Rahmen, mit einzubeziehen und hier allen Menschen ermöglichen, zu bewußten Künstlerinnen und Künstlern zu werden. Also war auch bei unseren Satie-Events nicht 'Die Kunst' als Darstellung der Mittelpunkt, sondern die Kunst an sich. Als Zusammen- und Wechselwirkung von allen anwesenden und abwesenden Menschen. Niemand mußte der Musik ehrfürchtig zuhören - das ist auch 15 Stunden lang nicht wirklich möglich (obgleich auch das fünfzehnstündige konzentrierte Zuhören eine eigene kunstvolle, oder auch nur meditative, Dimension entwickeln könnte) - sondern es durfte gegessen und geredet werden. Niemand mußte auf seinem Platz sitzen bleiben. Es galt lediglich fünfzehn Stunden lang eine friedliche Atmosphäre aufzubauen, deren Wirkung weiter in das Leben hineinreicht, als es den Anschein hat. Stellen Sie sich einfach in diesem Flugzeug noch einen Flügel mit Pianistin vor..." Wir hatten die Einstiegsluke erreicht. Die Stewardess begrüßte uns, während sich bei einer anderen jemand beschwerte, daß es kein 'Focus' mehr für ihn in diesem Flugzeug gab. Den 'Spiegel' wolle er nicht lesen. Ich grinste ein bißchen in mich hinein und freute mich, daß Menschen sich die Medien, die sie verarschen, immerhin selbst aussuchen können. Welch Fortschritt für Glaubensfragen. Wir nahmen unsere Plätze ein und nahmen die Anschnallprozedur schonmal vorweg. "Es folgten," fuhr ich fort, "in der Galerie Art d'Ameublement viele wechselnde Ausstellungen und Veranstaltungen - niemals aber Bilder oder andere (ver)käufliche Objekte, sondern Performances, Aktionen und Installationen. In der vom Land Nordrhein Westfalen geförderten Veranstaltungsreihe "Interregionale MEHRWERT Vorstellung" haben wir Menschen ausgestellt, die das Etikett "Künstler" nicht vor sich hertragen, sondern in ihrer normalen Arbeit/ihrem Leben einen Mehrwert entdecken und verwirklichen. So zum Beispiel eine Performance, die die Hysterikerin als Künstlerin ohne Kunstwerk zeigte; eigene Konstruktionen, Filmschleifen und eine Live-Vorführung an der Drehmaschine von jemandem, der am Institut für Getriebetechnik in Hannover lehrt, bis hin zu einer Aktion namens 'Aufbruch' mit einem Einbrecher, im Verlaufe derer - nach einem gemeinsamen Besuch bei der Kriminalpolizeilichen Beratungsstelle - die Galerietür sachgerecht aufgebrochen wurde. Innerhalb dieser MEHRWERT-Reihe haben wir auch den Chaos Computer Club als Kunst ausgestellt - drei Tage und drei Nächte unter dem Titel 'Nächtliche Häcktik'. Neben dem Berechnen von Apfelmännchen (so etwas wie das Pictogramm des Chaos) und dem Teilnehmen an diverser Datenreisen konnten die Anwesenden auch die Nachrichten des kommenden Tages im Rechner der Washington Post begutachten. Entgegen der Entwicklung auf dem Kunstmarkt, der gerade wieder einmal der (wilden) Malerei huldigte, statt sich darum zu kümmern, wie aktuelle Kunstformen auch auf dem freien Markt plaziert werden konnten, wurde uns immer deutlicher, daß die wahren Ereignisse, die Kunst, die Avantgarde sich ganz woanders abspielen, nämlich in Wissenschaft und Technik, insbesondere in der Informationstechnologie. Eine der Konsequenzen war 'Büro - eine Installation der Wirklichkeit'. Der Rahmen rückte nun ganz in den Vordergrund, das Büro zog in den Galerieraum und die Arbeit ins Schaufenster. Mit dieser Installation waren wir später für drei Monate als 'artists in residence' zu Gast in verschiedenen Galerien in Kanada. Den Kontakt zur Heimat hielten wir per Computer und Datennetzen. Ich lernte in jener Zeit, daß Datenkontakt gut 3000 DM im Monat kosten kann. ein Schock, den wir dank des Canada Councils, die das finanzierten, nicht komplett selbst bezahlen mußten, der aber tief saß und uns nach besser (und selber) finanzierbaren Alternativen Ausschau halten ließ. Nachdem wir aus Kananda zurückgekommen waren konzipierten wir die Veranstaltungsreihe 'PUBLIC DOMAIN', die seit 1987 regelmäßig im Bunker Ulmenwall in Bielefeld stattfindet - inzwischen sind mehr als ein halbes Hundert an Veranstaltungen voll. Public Domain hat nichts mit der gleichnamigen Software zu tun, 'Public Domain' bedeutet öffentlicher Bereich, öffentliche Angelegenheit. Die monatliche Public Domain ist ein wichtiger regionaler und netzweiter Treffpunkt geworden - die Besucherinnen und Besucher reisen z.T. von weit über 300 km Entfernung an und kommen nicht nur zum Gucken, sondern bringen ihre eigenen Ideen und Visonen mit und diskutieren anderen, an was sie gerade arbeiten. Daneben gibt es jedesmal einen Vortrag, eine Demonstration oder eine Aktion zu Themen aus Randbereichen des Computerns, der Kommunikation und der Kunst." Ich zählte ein paar Beispiele auf. "Verschlüsselung mit Data Encryption Standard, Packet Radio (Datenübertragung per Amateurfunk), Raimundus Lullus und der geheime Ursprung der Computertheorie, Copyright und Copywrong, Pool Processing, Analog Computer und künstliche Dummheit, Erfahrungen mit Btx als Anbieter, Simstim und Cyberspace, Kommunikation mit Delphinen, All-Tag einer Astronautin, einfache Wahrheitskorrektur mittels Tabellenkalkulation, Magie im Computerzeitalter, bewegliche Drahtinsekten (Schreitmaschinen) und und und..." Der GeschwindigkeitsrauschIch brach ab. Die Maschine war mittlerweile an den Start gerollt und beschleunigte. Ich mag dieses Gefühl. Ein kurzes schlechtes Gewissen - wie immer beim Fliegen - und dann die Beschleunigung genießen, das in den Sitz gedrückt werden, dieses Gefühl, das dann endet, wenn der Bodenkontakt endet. Die Häuser wurden schnell kleiner und ich erinnere mich an den Flug über die Rocky Mountains, wo wir in der Kanzel mitfliegen durften, weil wir es mit unserem Schweizer Taschenmesser möglich machten, daß der Pilot die zugefallene Tür zur Kanzel öffnen konnten. Die Aussicht war herrlich. Gajola schaute aus dem Fenster, die ersten Wolkenfetzen erreichten uns, dann war der Himmel über uns nur noch blau und unter uns die Landschaft grün und dahinfaulenzende Wolken weiß.Hacken als Kunstform"Langjährige Freundschaft und diverse gemeinsame Projekte verbinden uns mit den Aktiven des Chaos Computer Clubs. So ist es naheliegend, daß das 'Hacken' als Lebenseinstellung Eingang in unsere Kunst gefunden hat.Unter einem 'Hacker' stellen sich die meisten Menschen allerdings zuerst einmal einen bleichen, übernächtigten, cleveren Jungen vor, der nichts anderes tut, als sich in den Rechenzentren der NASA, der Washington Post oder des Bundeskriminalamtes zu tummeln, eine Art Robin Hood, der in fremden Datenwäldern wildert. Durch diese Darstellung - vor allem in den Medien - werden Hacker nicht nur fälschlicherweise in die Nähe von Wirtschaftskriminellen gerückt, sondern auch die ganze Bandbreite von anderen Aktivitäten verschwiegen - ganz abgesehen, daß es nicht nur Hacker, sondern auch Haecksen gibt... 'Hacken' bedeutet zuallererst: kreativ-kritischer Umgang mit Technik und dem Leben an sich, sich intensiv mit einer Sache beschäftigen und vor allem Wege und Möglichkeiten außerhalb der ausgetretenen Pfade ausfindig zu machen. Und diese können übrigens durchaus auch außerhalb des Computers liegen. Und statt der Rechner der NASA kann ich mich durchaus auch der Gemüsewaage im Supermarkt widmen, den Resetschalter ausfindig machen und neue Preise einprogrammieren, die ich für angemessen halte... Oder einen multinationalen Konzern aus dem Nichts aufbauen. Am Hacken begeistert die Möglichkeit, freien Zugang zu Information, die alle angeht, zu bekommen, das Gefühl von Macht (= machen können) und gewiß auch die 'diebische Freude', mit einem Homecomputer für ein paar Hundert Mark in einem millionenteuren Rechenzentrum einfach spazierenzugehen. Eine Motivation, die heute sogar die TELEKOM AG benutzt, um in farbigen Anzeigen für ihr falsch konzipiertes und halbwegs - eher viertelwegs - auf Datennetz aufgebohrtes BTX zu werben. Hackern verdanken wir nicht nur die spektakulären Coups, die weltweite Aufmerksamkeit für die Sicherheitsrisiken von Computersystemen geweckt haben, sondern neben vielen kreativen Gedankenansätzen auch die Idee und Verwirklichung, die Hege und Pflege von eigenen unabhängigen Bürgerinnen- und Bürgernetzen. Viel von unserer Art mit einer MailBox zu arbeiten gaben wir von der damaligen MailBox des Chaos Computer Club unternommen. Reinhard, der die Box dort aufgebaut hatte, war später Gründungsmitglied im FoeBuD e.V., den wir später in Bielefeld gegründet haben." Geld als Kommunikationsmedium"Rede ich zuviel?" unterbrach ich meine Redefluß. Ich kenne meine Schwächen. Und hatte mittlerweile gelernt, daß zur Unterhaltung immer mindestens zwei gehören.Ich war auf dem Weg zu einem kleinen Kongreß, wo ich vor 10-12 Leuten einen Vortrag zum gleichen Thema halten würde und ein Riesenhonorar plus meine Reise erster Klasse bekomen würde (allerdings lag Rena immer noch auf Platz eins mit tatsächlich erhaltenem Honorar. Naja, dafür ist sie auch um einige Klassen besser als ich...). Aber da wurde erwartet, daß ich einen Vortrag halte. Hier vielleicht eher nicht. Zumal kein Austausch im reinen Monolog stattfinden kann. Während wir uns unserem Mittagessen widmeten, sinnierte ich ein wenig über das seltame Kommunikationsmedium Geld. Tatsächlich waren manche Menschen in großen Unternehmen bereit für wirkliche Erfahrungsweitergabe echte Gegenwerte abzugeben. Der Einfachheit halber einfach Geld. Weil sich das am besten in neue Erfahrungsbeschaffung/wiedergewinnung umsetzen läßt. Und darüber hinaus gibt's oft noch ein dickes Paket mit gebündelten Erfahrungen zum Weiterverwerten. Geld als Komminikationsmittel. Und noch echten Austausch als Zugabe. Es macht Spaß als Malpalette Großkonzerne zu haben und als Leinwand das Universum... Für einen einen einzigen Vortrag bekomme ich heute soviel Geld, wie ich vor 20 Jahren als Künstler in einem Jahr nicht erwirtschaft hatte. Dafür war ich früher - im Gegensatz zu heute - schuldenfrei... und genoß damals auch ein weitaus größeres Maß an Lebensqualität. Die //BIONIC-MailBoxGajola ermunterte mich weiterzusprechen. Also keine Gefahr, als schwatzhafter Angeber in ihre Erinnerung einzugehen..."Eine MailBox ist wesentlich mehr als ein elektronisches Postamt: Neben den privaten Postfächern gibt es die sogenannten 'Bretter' - hier stehen öffentliche Nachrichten. Dieser Bereich einer MailBox entspricht einer überregionalen Tageszeitung oder einem Rundfunksender mit vielen verschiedenen Rubriken: Politik, Kultur, Wissenschaft, Regional- und Kleinanzeigenteil etc. Es gibt einen entscheidenen Unterschied: In der elektronischen Zeitung dürfen alle NutzerInnen nicht nur lesen, sondern auch schreiben oder senden! Durchaus analog zu schwarzen Brettern, wo Sie nicht nur nach interessanten Nachrichten suchen, sondern auch eigene Mitteilungen anheften können. MailBox-Netze ermöglichen echte ZWEIWEGKOMMUNIKATION. Hier gibt es nicht den spärlich genutzten Alibi-Rückkanal (wie z.B. Zuschauertelefon beim TV), sondern hier ist im Medium selbst die Trennung zwischen Konsumenten und Produzenten tatsächlich aufgehoben. In MailBox-Netzen gibt es keine Redaktion, alle TeilnehmerInnen haben die Möglichkeit, jederzeit selbst zu veröffentlichen, Diskussionen anzuregen, zu berichtigen, zu kommentieren. Und zwar nicht in einer Leserbriefecke, sondern im jeweiligen Themenbrett. Einige dieser Bretter werden von einem kompetenten Menschen oder einer Gruppe betreut, die eine Art Patenschaft für dieses Brett übernommen haben. Zensiert wird dabei nicht. Es findet nur eine Positivauswahl statt: Ständig kommen neue Nachrichten herein, alte werden von der Box nach einer bestimmten Zeit automatisch gelöscht. Nachrichten, die über das Tagesgeschehen hinaus interessant sind, bekommen einen Archivierungsvermerk. So sammelt sich in einer gut gepflegten MailBox mit der Zeit in den Brettern ein 'Bodensatz' an interessanten Nachrichten, die eine MailBox zu einem wertvollen Archiv werden lassen. Dabei handelt es sich nicht um eine Datenbank im herkömmlichen Sinne mit einem konsistenten, redaktionell gefilterten Bestand, sondern um ein lebendiges, pluralistisches Modell, in dem sich zwei Beiträge durchaus völlig widersprechen können - ich muß selbst entscheiden, was ich für wahr halte oder von wem ich eine Quellenangabe zur Verifizierung anfordere. Anfangs waren die MailBoxen noch jede eine Insel für sich, mit Minimalausrüstung (Homecomputer, Akustikkoppler und abenteuerlichen Bastelkonstruktionen zum automatischen Telefonabnehmen) von experimentierfreudigen Menschen betrieben. Der endgültige Anstoß aber, die Vernetzung der vereinzelten MailBoxen miteinander in Deutschland voranzutreiben, war dann die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl 1985 - anhand der tatsächlichen Radioaktivitätswerte, die keine Zeitung abdrucken wollte, wurde vielen schlagartig der Wert und die Notwendigkeit eines eigenen unabhängigen und unzensierten Publikationsmediums klar. Im Zerberus-Netz (kurz: Z-NETZ) und dem damit eng verbundenen /CL-NETZ (Computernetzwerk LinkSysteme) wurde die Idee eines Bürgerinnen- und Bürgernetzes verwirklicht. Es arbeitet mit Low Tech und Low Cost nach dem Store-and-Forward-Prinzip auf einfachen Telefonleitungen und ist unabhängig vom Rechnertyp. Das Netz ist dezentral und weitgehend anarchisch organisiert, weder die Software noch die Netzregeln schreiben eine Stern- oder Ringstruktur vor. Das Netz ist unkontrollierbar. Wenn eine Nachricht einmal geschrieben und abgeschickt worden ist, ist sie kaum noch aufzuhalten. Sie wird nach dem Prinzip des 'Flood fill' auf dem schnellsten Wege über das gesamte Netz verteilt. Die meisten MailBoxen haben sich zu Netzwerken zusammengeschlossen, in denen überregional und international Daten ausgetauscht werden. Das stelle ich mir immer wie einen Kiosk vor, in dem verschiedene Zeitungen und Magazine liegen, die wiederum in verschiedene Rubriken unterteilt sind. das /Z-NETZ wird zum Beispiel von Jahren von einer Frau, Kerstin Freund, koordiniert. Neben Gabi Hooffacker und Peter Lokk in München, die das /CL-Netz bemuttern, doch, so kann das wirklich fast genannt werden, die einzigen Menschen, die ich für ein Bundesverdienstkreuz vorschlagen würde. Durch diese Zusammenschlüsse, Netzwerke, gelangen ungefilterte Nachrichten aus aller Welt in die lokale MailBox, wie zum Beispiel Wam Kats 'Zagreb Diary', ein öffentliches Tagebuch über den Alltag im Kriegsgebiet in Ex-Jugoslawien - seit Beginn der Kriege im ehemaligen Jugoslavien kontinuierlich in einem öffentlichen Brett publiziert: Ein zeitgeschichtliches Dokument von ungleich höherer Qualität als die Routine-Agenturberichte vieler Journalisten. Medienluftblase Internet"Das 'Zagreb Diary' kenne ich aus dem Internet", sagte Gajola.Ich mußte lachen. Seit die Medien das Wort Internet und den Internethype gefunden haben, mußte ich mich immer wieder mit den kleinen Unterschiede rumquälen. "Das Internet ist eine Vernetzung von vielen verschiedenen Netzwerken. Alle Netze, die über diesen Zusammenschluß erreichbar sind, zählen heute zum Internet. Also auch /Z-NETZ und /CL, das größte nationale politische Netzwerk weltweit. Allen gemein ist, daß sie alle den gleichen Adressenraum benutzen. So erreicht mich also eine Mail, die an "padeluun@bionic.zerberus.de" geschickt wird auf jeden Fall. Egal, ob sie von einem Großrechner in Australien oder einem Mac in Kananda abgesetzt wird. Manchmal müssen Adressen noch ein bißchen abgewandelt werden. Bei Compuserve sind die Benutzer durchnummeriert. Aber trotzdem kann ich die Menschen dort anschreiben. Sowas wie Compuserve hat allerdings eklatante Nachteile. Es handelt sich um Zentralrechner. Alle Daten von allen Nutzerinnen weltweit liegen auf einem Rechner vor und sind zugreifbar. Firmen, die ihre Gescäftskorrespondenz darüber austauschen, sollten mal über das Wort 'Industriespionage' nachdenken. Und was eine Gleichschaltung von Medien betrifft, haben gerade wir in Deutschland ja im dritten Reich eine prima Lektion erhalten. Mit dem Unterschied, daß dort die Gleichschaltung gleich eingebaut ist... Mit einer der Gründe, warum wir uns so anstrengen, daß es überall vor Ort eigene Serversysteme gibt. Das ist zwar sehr aufwendig - aber auf zentrale Systeme zu setzen ist politisch instinklos. Wir benutzen für unsere Netze allerdings die billigst mögliche Struktur. Normale Telefonleitungen, die in der Regel nur wenige Momente benötigt werden und dann für die nächste Anruferin oder den nächsten Anrufer zur Verfügung stehen. Also keine Leute, die stundenlang die Leitung blockieren - und damit auch bezahlen müssen. Oder gar teure Spezialdatenleitungen. Die sind auch dafür völlig
überflüssig. Wir haben in unseren Netzen lokale MailBoxen, neudeutsch
Serversysteme genannt, aufgebaut, in denen zum Teil komplette Archivbestände
vorhanden sind, auf die per eben per einfachem Telefonanruf - Computer
vorausgesetzt - zugegriffen werden kann.
Wir setzen lieber auf das geschriebene Wort, das alle Menschen veröffentlichen können (und sich nebenbei viel preiswerter übertragen läßt). und wir wollen, daß Menschen, die keinen Computer selbst besitzen, auch dort arbeiten können, sich mit anderen Menschen, die sie vielleicht in den Datennetzen kennengelernt haben, treffen können. Wir wollen, daß dies Städten des Wissens, der Kultur und der Begegnung werden. Kein Spielkram. Sondern Spaß haben am Ernst des Lebens. Wir wollen nicht, daß alle, die manchmal etwas sagen wollen, dafür erst einmal einen kompletten Server beständig am Laufen halten müssen. Und vielleicht statt etwas zu sagen, sich mit Unix abquälen müssen und sich nur noch über Kernelkompilierungsprobleme unterhalten können. Wir setzen da lieber auf einfache Technik, die heutzutge sowieso alle Menschen "nebenbei" lernen." Gajola zog die Nase krauß. "So schwer ist Unix nun wirklich nicht, wenn man sich da ein bißchen einarbeitet, geht's schon." Jetzt staunte ich. "Leiten Sie ein Rechenzentrum?" Sie wehrte mit gespieltem Entsetzen ab. "Bloß nicht. Aber ich lebte mal mit einem Computerfreak zusammen, der mir einen Rechner schenkte, damit ich ihn nicht immer beim rumspielen störte. Und ich betreue nebenberuflich noch einen Web-Server für eine Projektagentur. Nichts wirklich wichtiges," kam sie meiner Frage zuvor, "die wissen selbst nicht, was sie damit wollen - wie alle in dieser Branche - und dieser Job ergab sich so. Dadurch kenne ich übrigens auch Euren Web-Server - ihr scheint so sehr doch gar nichts gegen die aufwendige Standleitungsvernetzung zu haben?" Das Flugzeug neigte die linke Tragfläche und in den Fenstern gegenüber konnte ich die Alpen erkennen. Im Morgenlicht sehen sie vom Flugzeug besser aus. Vor allem bei etwas niedriger Flughöhe in einer Propellermaschine. Ich konzentrierte mich wieder auf das ungeliebte Thema 'Internet'. Tausende von uninspirierten ehemaligen Studenten versuchen Geldgeber zu finden, die ihnen ihre Träumchen von der Datennetzanarchie finanzieren, kaum daß sie der staatlich finanzierten Datenzitze der Alma Mater entwöhnt werden. "Es wird ein riesiger Aufwand in das in das technische 'Wie' gesteckt, keinerlei Aufwand in Erforschung der Auswirkungen, des Nutzens, des Wieso und Weshalb und kein Konzept angeboten, das verhindert, daß in zehn bis zwanzig Jahren die Medienpädagogen und Soziologen Forschungsgelder dafür verbraten, warum das mit der so schön scheinenden, leuchtenden Datenwelt, alles noch ein bißchen schrecklicher geworden ist, als es allein mit dem Fernsehen schon war. Die westlich zivilisierte und reiche Menschheit hat noch nicht einmal wirklich die Industrialisierung kulturell verarbeitet - emotionell stecken wir immer noch irgendwo zwischen Steinzeit und Mittelalter. Und jetzt den Kommunikationsbarbaren einfach solche Möglichkeiten hinschmeißen ist für mich gleichbedeutend mit dem Dogma der katholischen Kirche, keine Empfängnisverhütung zuzulassen...". Fein, da muste Gajola doch fragend gucken. "Naja, laß die Leute Kinder gebähren, sich dabei in Probleme stürzen und der enstandene Konflikt wird dann schon irgendwie dafür sorgen, daß irgendjemand was davon hat. Das nette vierzehnjährige Mädchen aus dem Hinterland kann Prostituierte werden, die etwas angejahrte Gräfin bewährt sich im Sammeln von Geldern für die Welthungerhilfe - wir nehmen eine große Menge von Zutaten, mischen kräftig und irgendwas wird dann schon dabei rauskommen. Das alles ist dann - je nach Sichtweise - Gottes Wille oder Kunst. Und ich habe schon im Malunterricht bemerkt, daß, wenn ich wahllos alle Farben zusammenmische, immer ein freudloses Braun rauskommt." Sie registrierte aufmerksam diese Methapher. "Ich möchte als Künstler gerne meinen kleinen Beitrag leisten, daß bei diesen wunderbaren Möglichkeiten, die diese (durchaus verschiedenen Arten) der Netze, nicht nur "braun" herauskommt. Ich kann meinen Horizont erweitern, mich mit anderen Menschen um einen 'Globalen Dorfbrunnen' versammeln. Und ein wirklicher Beitrag zur Völkerverständigung kann nunmal nicht sein, daß überall nur noch 'Continental Breakfast' angeboten wird. Wir wollen eine 'Verhängnisverhütung', sozusagen... "Geschwindigkeitsrausch, denn mit dem Attribut 'schnell' wird diese falsch verstandene Vernetzung ja immer angepriesen, ist ja was tolles," ich dachte kurz an den Start der Maschine, "aber in Wirklichkeit bin nicht ich schnell beim Start, sondern das Flugzeug. Ich selber, normalerweise, sacke ab, der Geist gähnt und legt sich in eine unortbare Region zwischen Magen und Gehirn, wo ich dann immer etwas länger brauche, um ihn dort herauszuholen - oder er mich nach dem Erreichen des Reiseziels wieder einholt. Mit Ausnahme von heute, da sind Sie ja bei mir und das belebt und prickelt." Schnell einen flirtenden Blick austauschen... "Aber dies auch letzendlich nur deswegen, weil wir beide langsam sind, Zeit miteinander verbringen (müssen)...". "Die Entdeckung der Langsamkeit?" "Eigentlich gar nicht so sehr die Entdeckung der Langsamkeit, sondern die Anwendung. Vor vielen Jahren schon...", ich mache das manchmal, daß ich mit meinem Alter koketierte, "...als ich noch so ein ganz schneller junger Möchtegernkünstler war, sagte mir ein Hannoveraner Künstler, daß ich viel schneller sein könnte, wenn ich langsamer werden würde. Ich probierte es aus und brach zu einem Fußmarsch rund um (West-)Deutschland auf. Begleitet von einer Blechtrommel, einer Bibel und einer Bildzeitung vom Datum des Abmarschtages. Warum Laufen noch zu schnell sein kannAls Ausstattung einen Alu-Schlafsack, ein Taschenmesser und einen kleinen Rucksack, sowie kein Geld. In Kassel beginnend und immer an der Zonengrenze lang. Ich habe noch sie so viele Interviews gegeben, Beiträge zu Publikationen verfaßt und mit so vielen Menschen wirklich intensiv kommuniziert, wie zu dieser kurzen Zeit. In Helmstedt war die Erfahrung zu Ende. Ich wurde sehr krank und mußte den Marsch abbrechen. Erst unterbrechen natürlich - aber im Laufe der Konsequenz-Überlegungen stellte ich fest, daß selbst das Laufen noch zu schnell ist.Wir Menschen sind mit unserem Geist die Nullpunkte auf der Skala der Bewegung. Alle Bewegung findet um uns herum statt - relativ gesehen." Sie zitierte zweifelnd. "Wenn alles relativ wäre, gäbe es nichts, zu dem es relativ sein könnte. Menschen sind dazu prädestiniert alles Undenkbare zu bedenken. Und alles Unmögliche möglich zu machen. Sie verwechseln wohl häufiger ihr Selbst und das Werkzeug. Sicher, die Werkzeuge sind imposant," sie deutete mit dem Kopf durch den Jet in dem wir saßen, "stellen Sie sich davor, dieses Ding ist größer als ein Haus und kann fliegen - von uns aus betrachtet ist das einfach unmöglich. Und trotzdem funtioniert es. Ich würde jetzt aber nicht auf die Idee kommen wollen, daß ich es bin, die da fliegt... Den Nullpunkt verlassen, wirklich fliegen, kann ich auch. Allerdings sitze ich dazu meist mit geschlossenen Augen und gekreuzten Beinen auf einem kleinen runden Kissen und lasse los." "Die Erleuchtung suchen?" provozierte ich. "Nein, so deutsch bin ich dann doch wieder nicht. Ich halte es da lieber mit der tibetischen Linie. Viel Humor und - völlig regelwidrig - ab und an ein saftiges Steak. 'Das Blut muß spritzen'." Ich grinste. "Aber wir kommen vom Thema ab," erinnerte sie mich. Kommunikation und Information"Ich möchte," wo war doch noch gleich der rote Faden..." daß die Menschen begreifen, daß wir am Ende des produkteschaffenden Zeitalters angelangt sind. Wir werden in Zukunft nicht mehr davon existieren, daß riesige Kräne noch riesigere Abraumhalden in die Landschaft setzen, sondern wir gehen in eine Kommunikationgesellschaft. Zumindest sollten wir da hingehen.Zur Zeit ist ja mehr von der 'Informationsgesellschaft' die Rede. Ein wichtiger Unterschied. Der derzeit forcierte Aufbau einer Informationsgesellschaft, wo ich zwar Zugriff auf 'Informationen' haben soll, auf 'Interaktivität' ist einfach eine Phantasielosigkeit der Industriegesellschaft. Da kann sich das, was in unseren Datennetzen passiert, niemand vorstellen. Da sind Menschen bereit ihren Geist 'fliegen' und einfließen, zu lassen und dafür auch durchaus zu bezahlen. Unsere Gesllschaft kann sich nur vorstellen, daß das Endergebnis des Denkens, zu Papier gebracht oder über Datennetze geschickt, ein Produkt ist, das andere Menschen kaufen wollen. Und die kaufen nur leicht konsumierbaren Häppchen und nicht die täglichen Blähungen von Herrn Müller nebenan. Daß Herr Müller von nebenan, aber mit Hilfe des Netzes arbeiten will, zum Beispiel konkrete neue Ansätze für einen besseren öffentlichen Personennahverkehr erarbeitet, dazu Anregungen aus dem öffentlichen Brett OePNV verarbeitet und eigene Anregungen einspeisen möchte, das ist anscheinend noch nicht begreifbar. Da wird lieber eine Delegation von Kleinstadtpolitikern nach Zürich eingeflogen, damit sie dort mal sehen können, daß das Straßenbahnfahren wirklich funktionieren kann. Im Gegenzug wird dann ein Kindergarten geschlossen oder der Kulturetat weiter runtergeschraubt. Das Geschafel von Hänschen im Brett nebenan wird dabei so lange ausgeblendet, bis er zum Hans gereift ist. Und damt Herr Müller, der das ja nebenberuflich macht, arbeiten kann, müssen diese Kommunikations minimal sein. Das darf nicht so teuer werden, wie eine zusätzliche monatliche Stromrechnung oder Miete, sondern maximal - um bei diesem Beispiel zu bleiben - wie eine Wasserrechnung - ohne Kosten für einen Swimmingpool. Wer einen Swimmingpool möchte - ok. Ansonsten kann ich auch gerne ins öffentliche Freibad gehen. Schließlich ist Kommunikation das existienziellste Grundbedürfnis. Hunger ist besser zu ertragen, als eine geistlose Umgebung. 'Die Selbstmordrate bleibt konstant..'" zitierte ich aus dem 'Schockwellenreiter'. "Wir bieten mit unseren Systemen lediglich freundliche Rahmen für scheinbar beliebigen Inhalt. Den Inhalt an sich bieten wir nicht. Denn Wichtiges kann sich nunmal nur aus der Kommunikation zwischen Menschen entwickeln. Was ich auf- oder festschreibe ist in der Regel nicht (mehr) wahr. Das Manko der Bücher. Selbst, wenn sie Wahrheiten enthalten sollten... Was wir mit unseren peiswerten Netzen noch schaffen müssen, ist die Integration von 'Internet'. Also so, daß es dann, wenn eine Userin oder ein User den Direktzugriff auf einen anderen Rechner braucht, diesen auch bekommt. Beide Verfahren müssen einfach zusammenkommen. Beides zusammen macht den eigentlichen Sinn - von jenseits der Spielkramebene aus betrachtet zumindest. In unserer Firma arbeiten wir an so einer Software." Gajola schaute fragend. "ZERBERUS?" Ich lachte. "Heißgeliebt und kalt getrunken. Schon erstaunlich, daß als Künstler eine Firma mitbegründen, nur damit das getan wird, was getan werden muß. Aber bald werden viele Menschen werden davon leben, daß sie Kommunikation ermöglichen. Auf vielfältige Art und Weise. Derzeit ist auch unsere Firma nur ein Kunstwerk. Denn alle wissen doch, daß Künstler als Geschäftsleute überhaupt nicht geeignet sind." Sie schaute spöttisch auf meinen Anzug. "Was man Dir aber nicht ansieht." Gut, daß sie nicht die Geschichte dieses Anzugs kennt, dachte ich mir und versuchte, meine Gedanken nicht abschweifen zu lassen. "Um Visionen nicht nur zu haben, sondern auch dafür zu leben, daß diese Visionen nicht Utopien bleiben, gehört schon eine Menge seltsames Handeln dazu. Zur Integration des 'Internets' in vernünftige Strukturen und zum Thema Stichwort 'Vision' fällt mir noch etwas ein. Es gibt da eine interessante Vision von Marianne Brun, die Utopie einer globalen vernetzten Gesellschaft durch ein Netzwerk zu verwirklichen, die uns eine Berliner Journalistin mal geschenkt hat. Rena hat es übersetzt und bearbeitet, ich habe es dabei...". Ich stand auf und holte die Tasche aus dem Gepäckfach kramte und fragte mich ein weiteres mal, wie ein einzelner Mensch soviel Technik und Papier in eine Tasche bekommt. Wie schön, Rena hatte mir noch eine Tafel Schokolade eingepackt. Ich fand die Seiten, sorgfältig in einer Plastikhülle zusammengefaßt, reichte sie an Gajola weiter und bot ihr ein Stück Schokolade an. "Seit US-Vize Al Gore das Schlagwort vom 'Information Highway' geprägt hat und Bundeskanzler Helmut Kohl in einer TV-Fragestunde dazu nichts Kompetenteres einfiel, als zu scherzen, daß Autobahnen Ländersache seien, neigen viele zu der Annahme, daß Deutschland wieder einmal einer Entwicklung in den USA hinterherhinkt. Tatsächlich aber sind die technischen Grundlagen in Deutschland bereits viel weiter gediehen; insbesondere in den Neuen Bundesländern, sind bereits weitflächig die notwendigen Glasfaserkabel verlegt. Die flächendeckende Vernetzung wird hierzulande wohl früher Realität werden als in den USA. Was allerdings inhaltlich über dieses Netz laufen wird, wer an dieser Kommunikation wie beteiligt wird und was das kosten wird, ist noch offen.", las sie Renas Einführung vor. Designing society
Ich nenne dieses Computersystem hier einmal "Socially Beneficial Information Processor" oder kurz "SBIP". Und ich setze voraus, daß dieses aus einer großen Anzahl von miteinander verbundenen, technisch gleichartigen Komponenten besteht, die über die ganze Welt verteilt sind - überall, wo Menschen sind - und daß es für alle, jede und jeden, der oder die ihn benutzen will, zugänglich sein soll. Ganz am Anfang, wenn es der Welt übergeben wird, ist das System praktisch "leer": Es braucht erst einmal Eingaben der unterschiedlichsten Art, bevor es antworten und irgendeine Art von Ausgabe machen kann. Dieser Zustand kann Stunden oder auch Tage dauern. Einmal begonnen, wächst seine Fähigkeit zum Antworten und auf etwas einzugehen jedoch schnell. Eine Eingabe kann eine Feststellung sein, eine Frage, ein Artikel oder ein Gedicht, eine Sammlung von Regeln für ein Spiel, ein logischer Satz, eine Theorie, ein Computerprogramm, ein gesprochener Satz, Musik, ein Foto, ein Film und so weiter. Einige der Eingaben werden Daten sein und einige Programme, Regeln, Algorithmen und Prozeduren. Die Daten werden von den NutzerInnen so eingegeben, daß sie entweder zur Recherche und Begutachtung zur Verfügung stehen oder zur Verwendung. Während die Anzahl und Bandbreite der eingegebenen Daten wächst, nimmt auch die Flexibilität des Systems beim Antworten zu. Jede Nutzerin, jeder Nutzer des Systems kann alles, was vorangehende NutzerInnen eingegeben haben, verwenden. Jemand kann das System nach der Lösung eines Problems fragen und bekommt nur dann eine positive Antwort, wenn irgendjemand anderes eine Minute oder auch ein Jahr vorher eine Prozedur, ein Programm oder einen Algorithmus eingegeben hat, der es ermöglicht, dieses Problem zu lösen. Jedesmal, wenn jemand neue Daten eingibt, ändert sich das System. Bedeutsame Eingabe können so dem System ermöglichen, seine Antworten zu ändern, zu aktualisieren und so besser allen NutzerInnen zu dienen. Ich schätze, daß mit intensiver Nutzung durch Menschen aus allen Lebenslagen, allen Interessengebieten, allen Altersgruppen, allen möglichen Bereichen von bevorzugten Hauptbeschäftigungen und allen möglichen Gegenden der Welt wird es weniger als ein Jahr brauchen, bis das System eine mehr als nur gleichwertige Sammlung von derzeit verfügbarem menschlichen Wissen repräsentiert und als solche mit all ihren Möglichkeiten dient. (...) Nach jeder Antwort, die das SBIP ausgibt, wird die Nutzerin ermuntert, ihrerseits zu antworten, zu kommentieren, die Antwort zu kritisieren, die ursprüngliche Frage neu zu formulieren oder kann verfügen, daß die Eingabe so noch nicht abgespeichert werden soll. Die gegenseitige Frage und Antwort im Wechselspiel zwischen der Nutzerin und dem Computersystem gewährleistet, daß die Themen, die die Nutzerin tatsächlich bewegen, auch angesprochen werden und bereichert gleichzeitig das Wissen des Computersystems. Auf diese Weise entwickelt die Nutzerin mit der Zeit ein Bewußtsein für die Tatsache, daß sie oder er sich mitten in allem aktuell verfügbaren menschlichen Wissen befindet, Teil davon ist, damit im Dialog steht und Einfluß darauf hat. Dies geht soweit, daß das SBIP helfen kann, eine Gesellschaft zu gestalten und der Nutzerin bewußt und gegenwärtig wird, daß sie oder er ein willkommenes, notwendiges, ja, und ein unverzichtbares Mitglied der Gesellschaft ist. (...) Um es zusammenzufassen: Jede Person überall ist eine potentielle Nutzerin: Durch Einloggen ins System wird ein Mensch eine aktive Nutzerin. Die Eingaben der Nutzerinnen verwenden nicht nur das Netzwerk, sie verändern gleichzeitig das gesamte Netzwerk. Wenn eine Eingabe nicht zurückgenommen wird, wird sie in einem der Netzknoten gespeichert und wird dort aktiver Bestandteil in der Konstruktion der Antworten des SBIP. Es kann passieren - und am Anfang wird das recht häufig vorkommen - daß aufgrund der Eingabe einer Nutzerin am Dienstag die Antwort von SBIP auf eine Frage am Mittwoch eine ganz andere ist, als die Antwort auf dieselbe Frage war, als sie am Montag gestellt wurde. Folglich können wir uns das ganze System so vorstellen, daß beide, das SBIP und die Nutzerinnen, stets und ständig Teil von jeglichem menschlichen Wissen sind, die beide einander benutzen und verändern und daß sie aktive und integrale Bestandteile eines selbstbezüglichen und sich-selbst- organisierenden Systems sind: Eine menschliche Gesellschaft, in der jede lebende Person Mitglied ist und deren strukturelle Zwänge ständig beeinflußt, festgelegt, entwickelt und dann wieder geändert werden durch das Zusammenwirken der Eingaben aller seiner Mitglieder. Wenn auch mein Entwurf und seine Beschreibung und Verheißung Kritik auf den Plan rufen wird - so wie es mit jedem anderen Vorschlag auch der Fall wäre - so reklamiere ich doch einen wichtigen Unterschied: Alle Kommentare dazu können direkt in das SBIP eingegeben werden und werden, unabhängig von meiner Meinung, ein Teil vom System, nämlich aktiver Teil des derzeitigen menschlichen Wissens. Gajola gab mir die Seiten zurück. "Davon häte ich gerne eine Kopie." Sie gab mir ihre Karte. Ich ihr meine. Wir verglichen unsere eMail-Adressen. "Hab ich da schon seit zwei Jahren draufstehen", sagte sie stolz, nahm die Karte noch einmal und schreib eine weitere Telefonnummer dazu. "Und ich habe da noch zusätzlich meine ÖPNV-Adresse draufstehen." Ich deute auf die Stelle meiner Visitenkarte, wo die Straßenbahnlinien und Haltestelle verzeichnet war. "Übrigens auch eine Idee von einer Frau, die wir da übernommen haben. Sie heißt Maren Heinzerling, Ingenieurin, und leitet einen Firmenteil beim Daimler-Benz-Konzern. Wir haben viel von ihr gelernt. Sie hat uns einmal einen Zweistunden-Crashkurs in wirtschaftlichem Rechnen und Agieren gegeben. Auf einer Messe in Hannover - der CeBIT - auch so ein 'Globaler Dorfbrunnen'... Wir zehren heute noch von diesem Kurs... Die MailBox-Netzwerke kommen dem 'socially beneficial information processor', den Marianne Brun hier beschreibt, schon recht nahe. Nur daß es nicht EIN maschinelles Superhirn gibt, das die Information analysiert, sondern einen lebendigen Organismus, der aus einer VIELZAHL autonomer menschlicher Einzelwesen besteht, die in ihrer Gesamtheit das kollektive Wissen und Bewußtsein des Netzwerkes - die Matrix - bilden: 'Frag doch das Netz...' ist ein Satz,den ich gerne zu jemandem sage, der mir eine Frage stellt, die ich nicht beantworten kann." Abkürzung über den DatentrampelpfadSie gab mir die Seiten zurück. "So ganz langsam begreife ich, was es mit der Kunst im Datennetz auf sich hat." Sie funkelte mich an, daß mir wieder einmal ganz warm ums Herz wurde. "Du oder ihr", bezog sie Rena mit ein, "ihr wollt Euch nicht in den Netzen als Künstler und Künstlerin kaprizieren, sondern ihr betrachtet den Auf- und Umbau von Datennetzen und damit auch den Aufbau und die Weiterentwicklung der gesamten Gesellschaft als Kunst." Ich hätte sie am liebsten geküßt. Innerlich 'einen Hut zertrampelnd' (Kästner) blieb ich beim Thema. "Uns war halt aufgefallen, daß wir in den Datennetzen, von denen der Chaos Computer Club schon vor zehn Jahren als 'Datenautobahnen' sprach, es nicht möglich ist, Graffities anzubringen und daß es keine Abfahrten für Raststätten gab, wo wir einen Tramper mitnehmen konnten. Das hat uns nicht gefallen. Denn das war der Weg von der Eingleisigkeit zur Engstirnigkeit. Zum Stillstand.Die Datennetze haben ihren Anfang vor allem auf den Wegen des Geldes genommen. Ich kam mit Leichtigkeit, das nötige Know-How vorausgesetzt, nach Südafrika und nach Japan. Zu meinen Nachbarn kam ich nicht. Es fehlten die Datentrampelpfade, die zwischen den Schnellstraßen liegen. Die Bürgersteige und die Raststätten - wobei mir die Bezeichnung 'Datenautobahn' gar nicht gefällt. Dann lieber schon "Dateneisenbahn", wie es der VCD nannte, oder besser ein Wort nehmen, das noch gar nicht erfunden ist. Wir wollen Menschen vernetzen, nicht Computer. Zum Beispiel die Künstlerinnen und Künstler, die wir in aller Welt kennen, die waren einfach nicht auf Draht. Selbst als wir vielen kostenlose eMail-Zugänge bei GeoNet besorgten, waren sie nicht in der Lage, das Medium zu nutzen. Zu teuer, zu schwierig. Wenigstens hörten sie dann auf, über zuwenig Kommunikation zu klagen. Sie hätten sie ja haben können. Heute basteln viele von denen mit WWW rum und wollen bewundert werden. Naja, Werbung ist halt auch Kunst. Und da halte ich es mit Helmut Kohl, der meinte, daß er zwischen Kunst und einer riesigen PR-Aktion zu unterscheiden wisse. Leider sagte er es über das falsche Objekt." Sie nickte. "Ja, den Reichstag. Ich hab's mir angeschaut. Es war gewaltig... und trotzdem Kunst. Nicht deswegen!" Sie kannt die Unterschiede. "Wollen Sie nicht Bundeskanzlerin werden?" Sie wehrte ab. "Zuviel Verantwortung für eine Frau ohne Team. Und keinen Bock mich an den androzentischen Strukturen dort aufzureiben. Aber reizen würde mich das schon." Demokratiekunst"Ja, ohne wirklich ein Team hinter sich, auf das Verlaß ist, die nicht nur Speichellecker sind, geht's nicht," bestätigte ich. "Also gilt es Netze aufzubauen, über die Teamarbeit da stattfinden kann, wo die Menschen, mit denen Zusammenarbeit möglich ist, arbeiten und leben. Im Endeffekt mit allen Bürgerinnnen und Bürgern. Oder zumindest mit den wirklich interessierten. Durch die CeBIT haben wir ganz viel Kontakt zu Politikerinnen und Politikern bekommen und dabei festgestellt, daß die, denen Demokratie wirklich etwas bedeutet, danach dürsten, wirklichen Kontakt 'zum Volk' zu bekommen, statt immer nur den gefilteten Senf dessen, was Redakteure in den Medien für wichtig finden." Sie nahm den Faden auf und spann ihn weiter. "Und wenn erst einmal alle Bundestagseingaben auf den Netzen verfügbar sind, wenn nicht nur Gutachter und Juristen und ein paar Journalisten ihre Meinung dazu abgeben dürfen, sondern alle Menschen am Staatsgebilde mitwerkeln können, dann können wir irgendwann den Begriff 'Regierung' abschaffen und mit dem viel besseren Begriff 'Koordination' ersetzen..." "..und wir sind der Vision einer wirklichen Demokratie einen Riesenschritt nähergekommen" ergänzte ich. "Da ist noch viel Arbeit zu tun", seufzte Gajola. "Aber letztendlich macht das auch höllisch Spaß." Ich nickte."Unsere Konsequenz war, uns erst einmal mit Menschen zusammenzutun, die technische Fertigkeiten haben, mit ihnen zusammenarbeiten und als Gegenleistung künstlerische Kreativität zu geben.Und dieses Angebot an die Techniker und Technikerinnen wurde von denen gerne angenommen. Wobei wir mit der Kunst völlig im Hintergrund bleiben wollen. Es geht nicht um uns als Künstlerin und Künstler, sondern um eine ganze Welt. Um eine freie und freizügige und großzügige Welt. Wir selber sind die Leute, die mit einem Schwamm hier und da ein paar Wassertropfen auftupfen und diesen von Zeit zu Zeit in einer Gieskanne ausdrücken. Mit der Gieskanne ... ach, ich rede schon wieder in Bildern. Ich laß das mal... Theoretisch machen wir als Künsterlerinnen und Künstler auf dieser Ebene nichts anderes als Dienstleistung." "Lassen Sie mich mal bitte durch?" Ich zwängte mich in den Gang hinaus und lies sie vorbei. Zack. Da war es wieder, dieses ganz deutliche Gefühl einer Abwesenheit, das so ein nettes komisches Gefühl ist, das so ganz deutlich ein Zwischengefühl ist. Sie wird wiederkommen, sich neben mich setzen und wir werden weiterreden. So ein Alleinsein, trotz des Wissens, daß es nur von kurzer Zeit sein wird. Entspannend und gleichzeitig anstrengend. Letztlich, als Rena wieder mal auf einer Vortragsreise war, fühlte ich mich deutlich unwohl. So halb. Normalerweise arbeite ich während Renas Abwesenheiten doppelt soviel, aber jene Nacht konnte ich einfach nicht einschlafen. Ich stand auf, setzte mich an das MailBox-Terminal, das immer noch an der gleichen Stelle steht, wo unsere BIONIC ihren ersten Platz hatte, bevor sich unsere Kellerräume in ein Rechenzentrum verwandelten. Im Flur. Ich tippte lustlos, nicht wirklich inspiriert, in den verschiedenen Brettern herum. Das sind so die Momente, wo man häufig was Neues entdeckt, weil man gerade ein bißchen Zeit hat, auf Entdeckungsreise zu gehen. Die Uhr zeigte halb fünf und ich überlegte, wie ich es schaffen sollte, in wenigen Stunden aufzustehen. Da hörte ich ein mir bekannt vorkommendes Geräusch. Ich ging zum Fenster und lauschte. "puck puck puck..." Es kam aus der unteren Garage. Ich zog einen Bademantel an und ging nach draußen (ich mochte es, auf diese Art die Innenstadt zu meinem Dorf zu erklären). Ganz deutlich hörte ich die Geräusche aus dem Gulli. Da hatte sich also eine richtig echte Ratte eingenistet und sang ein Liedchen. Ich lächelte. Ich mag Ratten. Sie sind freundliche, intelligente Tiere, verfressen und tun gerne das, was sie auf gar keinen Fall sollen. Als wir selber noch eine Hausratte hatten, besaßen wir nach kurzer Zeit kein Bettzeug mehr ohne liebevoll eingenagte Löcher. Und natürlich benutzte unsere Hausratte ihren Käfig nur zum Schlafen (was sie tagsüber viel lieber in Lager 3b - hinter dem Bücherregal tat). Ich wollte allerdings keine Ratte als Haustier mehr, seit ich gesehen hatte wie elendig diese Viecher an Krebs krepieren. Bei fast allen Hausratten handelt es sich um um Nachkommen von Züchtungen aus Versuchslaboratorien; sie sind darauf gezüchtet, Krebs zu bekommen. Aber gegen eine richtig echte Kanalratte in freier Wildbahn hatte ich natürlich nichts einzuwenden. Die erwartet zudem keine regelmäßigen Fütterungszeiten. Obwohl ihr regelmäßige Zeiten natürlich lieber wäre, dann könnte sie sich schon eine Stunde vorher auf uns (oder das Futter) freuen... l'art pour l'artIch lies Gajola wieder auf ihrem Sitz am Fenster Platz nehmen ("Normaler Weise sitze ich ja lieber außen, wegen des Fluchtinstinkts..") und nahm das Gespräch wieder auf."Uns brachte übrigens das Schreiben einer allgemeinverständlichen MailBox-Anleitung für Userinnen und Usern in Kontakt mit den Zerberus Programmierern - die zu unserer Freude auch unsere Anregungen zur Gestaltung des Programmes dankbar aufnahmen. Mittlerweile arbeiten wir gemeinsam an der Programmentwicklung. Was mich besonders freut. Hier wurde nicht - wie üblich - Leuten eine Idee weggenommen und verfälscht für irgendwelchen unnötigen Kommerz verbraten, und damit genau diesen Leuten die Weiterarbeit unmöglich gemacht, sondern die, die das angefangen haben, sind auch heute noch dabei. Dies gehört für mich mit zur Kunstform des 'Rahmenbaus'. Und jetzt nimmt die Gestaltung des MailBox-Programmes keinen Einfluß auf die Inhalte, die über die MailBox transportiert werden. Aber sie kann als Environment durchaus den kompetenten Gebrauch, die Umgangsformen, die Netzkultur fördern. Ganz ähnlich, wie bei unseren Satie-Veranstaltungen." "Sowas möchte ich gerne mal mitmachen." Und ich nutzte diesen Satz von Gajola um wieder einmal mehr über die völlig bescheuerten Kulturstrukturen - oder besser Nichtstrukturen - nachzudenken. Was freundlichst von der Ansage unterbrochen wurde, daß wir jetzt uns bitte wieder anschnallen sollten, da das Flugzeug gedenke, gnädigst und untertänigst zur Landung ansetzen zu wollen. Da die Flugzeiten grundsätzlich zu großzügig kalkuliert werden, 8 Minuten vor der im Flugplan angegebenen Zeit... "Ja, ich hoffe, daß wir vom Mitgestalten der Datennetze mal wieder wegkommen und die Datennetze endlich wirklich für das Wesentliche verwenden können. Daß wir die Wichtigkeit des Aufbaus nach hinten stellen könnnen und wir diese Netze endlich mal verwenden können. Und mal wieder solche Events gestalten können und oder und/oder uns um andere wesentliche Dinge kümmern können." "Wie geht es bei Euch weiter?" Ich lachte mit heruntergezogenen Mundwinkeln. "Jetzt müssen wohl erst einmal etliche Konzerne in den Netzen herumstochern und auf die Nase fallen, bis sie merken, daß sie ohne unsere gesammelten Erfahrungen nicht auskommen können. Daß es nicht reicht, daß Medienkonzerne 'irgendwas' einspeisen, sondern daß es hier mehr noch als bei allen anderen 'Geschäften' um etwas ganz Eigentümliches geht, das zwischen Menschen passiert. Das ist nicht mehr die Fortführung des Telefon und Fernsehens mit anderen Mitteln, obwohl es auf technischer Ebene sehr ähnlich zu sein scheint. Das ist eine Form, die wirklichem Leben sehr nahe kommt. Aber eben immer noch nicht nah genug. Nicht so nah, wie wir beide es sind - vom Zufall oder Gottes Wille oder der Großen Vorsehung zusammengeführt..." - sie wich innerlich ein bißchen zurück - "und wieder auseindergehend," - sie traute sich wieder näher - "daß 'Das Netz' eben auch nur ein Werkzeug ist, dessen falsche Handhabung tiefe Wunden in die Gesellschaft schlagen kann." "Ihr seid also die einzigen, die wissen, wie man's wirklich macht?" Ich dachte einen kurzen Moment nach. "Ja", sagte ich. "Nicht weil wir so toll und erfindungsreich sind, sondern weil wir als Künstlerin und Künstler schon immer nach allen Seiten offen waren, ohne irgendeine Seite auszuschließen. Wir können ernsthaften Menschen viel, viel Zeit sparen. In unserem 'Bielefeldversuch' ist alles - quasi wie in einem Laborglas - fertig entwickelt. Wir haben - gemeinsam mit den vielen Menschen, die uns dabei unterstützen - eine komplette Struktur nicht nur erschaffen, sondern diese Struktur lebt auch, finanziert sich selbst und hat genügend Kraft, um sich über die gesamte Welt zu verbreiten. Wir könnten einigen Medienkonzernen fünfzehn bis zwanzig Jahre Zeit an Erfahrungen sparen." "Und warum arbeitet ihr noch nicht mit solchen Konzernen zusammen?" Ich überlegte. "ich denke, die meisten Konzerne kennen die Frage noch nicht, auf die sie die Antwort suchen. Noch verstehen sie immer nur 'zweiundvierzig'. Sobald sie die Frage kennen, werden sie auf der Suche nach der Antwort zwangsläufig auf uns stoßen. Dann werden sie auch in der Lage sein, den Preis zu bezahlen, den die Kommunikationsgesellschaft von ihnen einfordern wird. Ansonsten sorgen wir schon dafür, daß wir anwesend sind. Wir registrieren es mit Vergnügen, wenn die Chefetage von Telekomfirmen um unseren Messestand schleichen, alles genau sehen, aber einfach nicht begreifen können, weil es so einfach aussieht. Und dann rechnen sie nach und begreifen es doppelt nicht, wie das funktionieren kann. Wie mit den vielen um sich greifenden Versuchen von Datenfreaks oder Wirtschaftswissenschaftlern, in irgendeiner Kneipe ein Terminal aufzustellen und das dann 'Mediencafé' zu nennen. Ich denke, daß die Gesellschaft bald soweit ist, sich der Einfachheit zu öffnen und keine Angst vor der Kommunikation mehr zu haben." "Stimmt", sagte sie. "Die Gesellschaft hat Angst, weil sie die Wahrheit nicht vertragen können." Ich betrachtete die aufleuchtende Schrift über mir: 'Bitte Sicherheitsgurt anlegen'. "Zweitausend Jahre nach Christus ist es mal wieder Zeit für einen geistigen Paradigmenwechsel..." Die Maschine flog nun sehr niedrig, wir würden bald aufsetzen. Die Ödnis der Flughafenumgebung war zu erkennen. Es rumpelte wie auf einem alten Schotterweg. Ich fragte mich, wer in dieser Höhe, die Luft makkadamisiert hätte. Es wurde ruhiger, wir passierten den Sicherheitszaun des Flughafengeländes, die Maschine setze auf und bremste. Ein paar Menschen applaudierten ihre Erleichterung heraus. Leise klassische Musik setzte ein und wir wurden gebeten, bis zum Stillstand der Maschine sitzen zu bleiben. Wohl neben der Sicherheitsprozedur vor dem Abflug die meistignorierte Darbietung des Flugpersonals. Schnittig die Kurven nehmend rollte der Pilot auf das Abfertigungsgebäude zu. "Wir Menschen sind die Daten und und es werden gleich ein paar Datenpakete beim Server abgeliefert." witzelte Gajola. "Die Computerwelt hat neue Gleichnisse und Denkmodelle gebracht. Und den Nachteil, daß es keine Zwischentöne mehr zu geben scheint. Statt Sinuskurven nur noch Rechteckwellen, die mich immer so fatal an Hakenkreuze erinnern," sagte sie etwas bitter. Sie hatte recht. Ich schenkte der Stewardess am Ausgang ein besonders freundliches Lächeln, um den ungehobelten Schlipsträger vor uns ein bißchen zu nivellieren. Sie nahm es erleichtert an. "Ich kenne da eine Stelle aus der Bibel, die paßt irgendwie zu diesem Anlaß..." rezitierte sie leise. Guck an. Auch die Stewardess kannte PULP FICTION. "Hesekiel 25, Vers 17," lachte Gajola. Naja. Sie hat den Film ja auch schon dreimal öfter gesehen als ich. Ich werde mir ein Kinoprogramm organisieren müssen. Nicht besonders eilig folgten wir brav den Hinweisschildern Richtung Gepäckband. "Die Sinuswellen entsprächen dann eher dem asiatischen I-Ching." Sie spielte mit dem Anhänger an ihrer Kette. "Auch wenn Vergleiche eigentlich immer auf einem Bein hinken, ist das gar kein schlechter Gedanke..", ich bemühte mich, nur auf den Kettenanhänger zu schauen. Unsere Koffer lagen fast nebeneinander auf dem Transportband. Sie
griff meinen, ich ihren, und wir zogen sie vom Band und dem Pulk weg. "Ich
habe noch etwas für Sie," sagte ich und öffnete das Seitenfach
meines Koffers.
"Hey", sagte sie leise, nur für mich. "Komm mal her". Wir nahmen
uns in die Arme und flogen in einem kleinen Moment bis in die Unendlichkeit.
Hinter meinen Augen und unter den Lidern brannte es ein bißchen.
Wir schauten uns in die Augen. "Alles Gute auf Deinem weiteren Lebensweg,"
sagte sie. Ich spürte dieses wehmütige Lächeln in meinem
Gesicht, das mich immer in solchen Situationen heimsucht. Ich hatte mich
ein bißchen in sie verliebt und der Flug war zu Ende. Aber sie war
auch ein Teil des Netzes. Und die Netze zeigen etwas deutlicher als das
Leben, daß wir Menschen auch ohne Computer und Datennetze überall
und mit allem verbunden sind.
Warum Ratten leise singen? Ist doch klar. Weil auch sie wirklich
geliebt werden wollen
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