Die Bürgernetze: Z-Netz, /CL und Zamirvon: Rena Tangens, Bielefeld
Die Bürgernetze: Z-Netz, /CL und ZamirEine Einführung von Rena TangensDie Worte "online", "Internet" und "Datenautobahn" sind mittlerweile so etwas wie die sprachlichen Leitfossilien unserer Zeit geworden. Kaum jemand kann sich etwas Konkretes darunter vorstellen. Alles mögliche wird "interaktiv" genannt -- kaum etwas ist es. Wenn etwas über das Internet in den Medien berichtet wird, sei es im Fernsehen, in Zeitungen oder Zeitschriften, dann werden fast immer bunte Seiten aus dem World Wide Web gezeigt, weil sie dekorativ und leicht konsumierbar sind. Im Zuge des großen Medien-Hypes wird das Internet einerseits als gefährlich, weil unkontrollierbar, dargestellt oder aber als das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, in dem es alle Informationen der Welt zur freien Verfügung gibt. Bei dieser Berichterstattung wird fast immer übersehen, daß es im deutschsprachigen Raum (und auch anderswo) seit langem eine funktionierende Vernetzung gibt, allerdings leiser, unspektakulärer und weniger konsumorientiert: Die Bürgernetze. "DAS Internet" gibt es sowieso nicht! Das Internet an sich hat keine Inhalte, es ist lediglich ein Metanetz, das verschiedene vorhandene Netze und Angebote miteinander verbindet. Im übrigen stellt das Internet einen Adressraum dar. Das heißt, es ist eine Konvention, wie eine eMail-Adresse zu schreiben ist, um über das Netz erreichbar zu sein. In diesem Sinne ist "rena@bionic.zerberus.de" eine gültige, weltweit erreichbare Electronic-Mail-Adresse und die BIONIC-MailBox Teil des Internets. Pädagoginnen und Pädagogen, die erst jetzt in das Thema
einsteigen, denken zumeist, der Internet-Dienst World Wide Web sei "das
Netz". Wer sich aber ausschließlich mit dieser graphischen Oberfläche
und ihren vielen bunten Seiten zum Anklicken beschäftigt, verpaßt
Wesentliches. Anders gesagt: Wer nur "surft", bleibt an der Oberfläche.
Nicht nur die ganze Palette anderer Internet-Dienste (z.B. mail, news,
gopher, archie, ftp) wird dabei außer Acht gelassen. Auch die technischen
und ökonomischen Voraussetzungen samt Folgekosten dieser Art der Netznutzung
werden selten bedacht -- sicher auch eine Folge der privilegierten Stellung
der WissenschaftlerInnen: Wer in der Uni den kostenlosen Internet Anschluß
per Standleitung genießt, vergißt leicht, was dies in der Realität
kosten würde und daß dies für die überwiegende Mehrheit
der Bevölkerung nicht finanzierbar ist. Übertragungen von Graphik,
Sound und Animation brauchen -- im Gegensatz zu reinem Text -- extrem lange
Transferzeiten, was sich in entsprechend hohen Telefonrechnungen bei den
EndnutzerInnen niederschlägt. Gleichzeitig verbrauchen sie Bandbreite
im gesamten Netz und erfordern erhebliche Ressourcen.
Die Bürgernetze Z-NETZ und CL im deutschsprachigen Raum und Zamir in Ex-Jugoslawien sind eine Ausnahmeerscheinung, auch im internationalen Kontext. Andere MailBox-Netze in Deutschland haben ihren Schwerpunkt zumeist auf Computerthemen und sind überwiegend stark hierarchisch organisiert. Netze in anderen Ländern, die vergleichbare Inhalte und gesellschaftspolitischen Hintergrund haben, z.B. Green-Net in England, IGC in USA, Pegasus in Australien, Alternex in Brasilien etc. sind wiederum kein Netz in dem Sinne; es handelt sich jeweils um einen Zentralrechner, wo alle TeilnehmerInnen ihre Daten abholen. In Deutschland und Ex-Jugoslawien existiert dagegen eine dezentrale Struktur von vielen autonomen Betreibergemeinschaften, die demokratisch organisiert ist. Was ist eine MailBox?Früher sprachen alle von "MailBoxen", wenn von den Datennetzen die Rede war, inzwischen heißt es überall "Internet". Die Bezeichnung "MailBox", die sich in Deutschland eingebürgert hat, ist etwas irreführend, da es sich keineswegs nur um ein elektronisches Postfach handelt. Im Englischen heißt die gleiche Einrichtung treffender "bulletin board system", kurz "bbs".Den folgenden Abschnitt über MailBoxen habe ich absichtlich kurz gehalten, weil dazu mittlerweile ausführliche Erklärungen in der einschlägigen Literatur verfügbar sind. (z.B. Hooffacker 1993, Luber 1993, Tangens 1994, FrauenUmweltnetz 1995, FoeBuD 1996) Eine MailBox ist ein ganz normaler Computer, der über ein Modem mit der Telefonleitung verbunden ist und 24 Stunden am Tag am Telefon wartet, um Anrufe von anderen Rechnern entgegenzunehmen. Die MailBox ist so etwas wie ein lokales elektronisches Postamt, wo TeilnehmerInnen ein Postfach mieten können. Doch eine MailBox ist wesentlich mehr als ein elektronisches Postamt: Neben den privaten Postfächern gibt es die sogenannten "Bretter´ -- hier stehen öffentliche Nachrichten. Dieser Bereich einer MailBox entspricht einer überregionalen Tageszeitung mit vielen verschiedenen Rubriken: Politik, Kultur, Wissenschaft, Regional- und Kleinanzeigenteil etc. Aber mit einem entscheidenen Unterschied: In der elektronischen Zeitung dürfen alle TeilnehmerInnen nicht nur lesen, sondern auch schreiben. Bretter -- was ist das eigentlich?Die Bezeichnung "Brett" leitet sich ab von der bekannten Einrichtung "Schwarzes Brett", also einer Tafel mit Mitteilungen, die öffentlich zugänglich ist und wo jede und jeder weitere Zettel mit eigenen Mitteilungen aufhängen kann. Damit bekommt der Begriff "Nachrichten" in diesem Zusammenhang auch eine andere Bedeutung: Es geht nicht mehr nur um persönliche Post, sondern hier gibt es die Möglichkeit, selbst zu veröffentlichen. Die Netzbretter geben allen Teilnehmer/innen das Mittel zum Broadcasting an die Hand, also die Möglichkeit, ihre eige- nen Äußerungen zu Nachrichten für andere zu machen. Damit kommunizieren sie nicht mehr nur mit Bekannten, sondern sie bekommen auf einen Schlag aktiven Zugang zu vielen Diskussions- und Interessengruppen. Augenblicklich lernen sie neue Leute kennen, die sich mit ähnlichen Themen auseinandersetzen und finden ein Forum für ihre eigenen Mitteilungen. Die öffentlichen Bretter sind so etwas wie eine Zeitung ohne Redaktion, die Nachrichten darin haben den Charakter von offenen Briefen."Wie -- da kann jeder schreiben?!" ist eine häufig gestellt Frage an dieser Stelle, meist verbunden mit der Schlußfolgerung, daß da dann ja nichts Hochwertiges in den MailBoxen sein könne. Dahinter steht die Annahme, daß es, wenn einfache Menschen sich äußern, zwangsläufig so peinlich werden müsse wie in vielen Game- oder Talkshows im Fernsehen, wo Leute regelrecht vorgeführt werden. Diese Fernseh-Shows dienen als Beweis, daß die Masse "von den Medien keinen rechten Gebrauch" zu machen versteht, "zur eigenen Artikulation schlechthin unfähig" sei. (Enzensberger 1981, S. 33). In den Bürgernetzen können wir erleben, daß die meisten Menschen sich durchaus kompetent äußern können, wenn das Umfeld stimmt, also wenn sie nicht unter Zeitdruck stehen, nicht in eine Ausnahmesituation (plötzliche Konfrontation mit Kamera, Scheinwerfer, Mikrophon, Publikum) gebracht werden und wenn es um Themen geht, die sie interessieren, die sie direkt betreffen oder mit ihrem Alltag und ihren Erfahrungen zu tun haben -- ähnlich wie es auch bei der Radiosendung "Hallo Ü-Wagen" mit Carmen Thomas zu beobachten war. "Wie -- da kann jeder schreiben?!" Diese Frage zieht oft eine weitere nach sich: "Sind das denn dann objektive Informationen, was ich in der MailBox lese?". Sie wird zumeist von Menschen gestellt, die die Netze nur als eine große Datenbank ansehen, aus der sie Information herausholen können. Menschen, die mit einer solchen Konsum- und Erwartungshaltung an die Netze herangehen, werden von den Bürgernetzen zwangsläufig enttäuscht sein. Wer einer Datenbank oder ei- nem sonstigen Informationsangebot eine Frage stellt, bekommt eine Antwort, die zumeist als ´objektive´ Sachinformation daherkommt. Wer im Netz in den Brettern eine Frage stellt, bekommt zumeist eine Vielzahl von Antworten unterschiedlichster Art und Qualität; einige davon mögen sich vollkommen widersprechen. Im Netz kommen auf eine Frage oft unerwartete Antworten, die in eine andere Richtung führen und assoziativ neue Gesichtspunkte ins Spiel bringen: "Warum interessiert dich gerade dieses Thema?", "Ist die Frage nicht vielmehr...", "In diesem Zusammenhang fällt mir ein...". Anders als bei anderen Medien wie Zeitung, Radio und Fernsehen wird in den Netzen nicht durch eine Redaktion vorsortiert und gefiltert. Die Verantwortung für die Auswahl und die Rezeption der Nachrichten liegt bei den Teilnehmer/innen. Hier ist Mitdenken und Eigenverantwortung von jeder und jedem Einzelnen gefordert. Das ist grundsätzlich bei den traditionellen Medien nicht anders, aber möglicherweise wird es den Menschen im Netz eher bewußt, weil hier sich widersprechende Dinge direkt nebeneinander stehen. Auch werden die Nachrichten nicht glatt und technisch perfekt präsentiert wie in anderen Medien, was dem Unterbewußtsein suggeriert, daß es sich um sorgfältig recherchierte Tatsachen handele. Die Bürgernetze fordern durch ihre Offenheit und ihre unprätentiöse Art der Darstellung von allen Beteiligten eine gewisse Skepsis, Entwicklung eigener Kriterien bei der Auswahl und die Übernahme der Verantwortung dafür, was sie lesen und wie sie es auffassen. Sie müssen selbst entscheiden, wem sie glauben, von wem sie eine Quellenangabe erfragen und wen sie ignorieren. Zu jeder Äußerung in den öffentlichen Brettern im Netz steht in der Regel eine Person. In den Netzen gibt es einen großen Vorteil gegenüber
den traditionellen Medien: Die einfache Rückfragemöglichkeit
-- ein gleichberechtigter Rückkanal. Mit der Antwort-Funktion kann
sowohl direkter Kontakt mit Autorin oder Autor der gerade gelesenen Nachricht
per persönlicher Post aufgenommen werden, als auch eine öffentliche
Antwort in das Brett geschickt werden mit eigenem Kommentar, Richtigstellung,
Ergänzung oder auch Bitte um weitergehende Infos von anderen. Ich
muß nicht öffentlich antworten, aber ich kann es jederzeit tun.
Die Bürgernetze sind ein pluralistisches Modell, das ermöglicht, viele Realitäten gleichzeitig zu sehen, vielleicht auch z.T. zu akzeptieren und das dazu ermuntert, eine Darstellung der eigenen Realität beizusteuern. Bezeichnenderweise werden in den Bürgernetzen die Mitwirkenden nicht "Nutzer/innen", sondern "Teilnehmer/innen" genannt. Wie entstanden die MailBox-Netze?Anfangs waren die MailBoxen noch jede eine Insel für sich, die in Deutschland ab etwa 1984 von experimentierfreudigen Menschen mit Minimalausrüstung (Homecomputer, Akustikkoppler und abenteuerlichen Bastelkonstruktionen zum automatischen Telefonabnehmen) betrieben wurden. Die Teilnehmer/innen riefen bei ihrer lokalen MailBox an und konnten darüber Nachrichten mit allen anderen austauschen, die in derselben MailBox ihr elektronisches Postfach hatten, aber nicht mit denen, die in einer anderen MailBox in einer anderen Stadt angemeldet waren. Um dem abzuhelfen, begannen einige SystembetreiberInnen, Brett-Nachrichten auszutauschen, indem sie sich per Gelber Post Disketten zuschickten, was natürlich umständlich war und lange dauerte.Der endgültige Anstoß, die einzelnen MailBoxen ebenfalls über Telefon miteinander zu einem Verbund mit gemeinsamen Brett-Nachrichtenbestand und netzweiter Email-Möglichkeit zu vernetzen, war in Deutschland dann die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl 1986. Angesichts der Unklarheit über die Radioaktivitätswerte und das tatsächliche Ausmaß der Gefährdung war das Bedürfnis nach einem unabhängigen Publikationsmedium dringlich geworden. Das Z-NETZDas neu entstandene Netz hieß "Zerberus-Netz" oder schlicht "Zerberus". Einige Jahre später wurde der Name in "Z-NETZ" abgekürzt. Damit sollte dokumentiert werden, daß die Teilnahme am Netz nicht von der Verwendung einer bestimmten Software abhängig gemacht wird. Das Netz war (und ist) dezentral und nicht hierarchisch organisiert, weder die Software noch die Netzregeln schreiben eine Stern- oder Ringstruktur vor. Mit /Z-NETZ/ beginnen auch die Namen der Bretter, die aus dem Z-NETZ stammen, also z.B. /Z-NETZ/POLITIK.Zerberus war das erste deutsche MailBox-Netz, das Nicht-Computerthemen in den Vordergrund stellte (z.B. Umweltschutz, Politik, Datenschutz, Verbrauchertips, Religion, Literatur). Über alle wichtigen Entscheidungen, die das Netz betreffen, wird im Z-NETZ abgestimmt. Dafür gibt es das /WAHLURNE Brett. Auch die Koordination wird demokratisch von den beteiligten MailBoxen gewählt. Das Netz ist bemüht, den Teilnehmer/innen professionellen Service anzubieten. Die überwiegende Zahl der beteiligten MailBoxen verlangt für diesen Service Userentgelt, aber es werden in keinem Fall primär kommerzielle Absichten verfolgt. Neben den /Z-NETZ Brettern gibt es die sogenannten /T-NETZ Bretter: "T" steht für "teilvernetzt". Während /Z-NETZ Bretter für alle Z-NETZ MailBoxen Pflichtbretter sind, das heißt, die ganze Bandbreite geführt werden muß, können /T-NETZ Bretter ganz nach Lust und Laune angeboten werden. /T-NETZ Bretter sind oft Bretter zu Spezialthemen, die nur wenige interessieren und daher nur in bestimmten Boxen vorhanden sind oder Bretter, die bei Abstimmungen im Z-NETZ keine Mehrheit bekommen haben. Über die Einrichtung von /T-NETZ Brettern wird nicht abgestimmt, sie werden einfach von einer Box eingerichtet und den anderen angeboten. Die Verbreitung einzelner /T-NETZ Bretter ist dementsprechend sehr unterschiedlich. Die /T-NETZ/* Bretter wurden 1995 nach einer Wahl in /Z-NETZ/ALT/* -- ALT steht für "alternative", analog zu den Bezeichnungen im UseNet -- umbenannt. Das ist einerseits nachvollziehbar, da es sich um einen éAuswuchs´ des Z-Netzes handelt, andererseits geht da- durch der Wortwitz -- Teenetz -- und ein stückweit auch der anarche Charakter verloren. Zusätzlich zu den /Z-NETZ Brettern entstanden zahlreiche Overlay-Netze ähnlich dem /T-NETZ, aber geordneter und mit spezifischen Themenbereichen: Compaed (Computer und Pädagogik), Solinet (Gewerkschaften und Betriebsräte), GRUENE, SPD, PDS (von den entsprechenden Parteien), und insbesondere Compost (Ökologie und Bürgerrechtsbewegung Neues Forum), Linksys (Politik, Menschenrechte, Frieden etc.) aus denen später das ComLink-Netz wurde, das heute kurz /CL-Netz heißt. Das /CL-Netz"Öffentlichkeit für soziale, politische, ökologische und kulturelle Themen zu schaffen, ist Ziel der Mailboxen im /CL-Netz. Sie dienen der aktuellen Recherche und als Archivsystem für Texte und Informationen zu Antifaschismus, Behinderten, Bildung, Datenschutz, Energie, Frauen, Frieden, Gesundheit, Kultur, Medien, Recht, Soziales, Umwelt, Verkehr, Wirtschaft, von Pressediensten, Greenpeace und amnesty international."So stellt sich das CL-Netz in seiner Charta vor.Kurze Historie: 1987 ging als eine der ersten zehn Zerberus-Mailboxen auch das erste CL-System in München ans Netz. Zur Finanzierung und Organisation des MailBox-Betriebs wurde der Verein "Kommunikation und Neue Medien e.V." gegründet. Die MailBoxen, die im /CL-Netz organisiert sind, heißen in der Regel LINK-*, wobei anstelle des Sternchens das jeweilige Autokennzeichen eingesetzt wird. Also z.B. LINK-K in Köln, LINK-N in Nürnberg, LINK-L in Leipzig und LINK-H in Hannover.Im August 1989 sendete die Bürgerrechtsbewegung der DDR (Neues Forum) unter dem Pseudonym ZENTRALE_GREIF ihr Gründungsdokument in die MailBox LINK-H. 1991 legten Umweltmailboxen (/COMPOST-Bretter) und Linksysteme (/LINKSYS-Bretter) ihr Brettangebot zusammen. Das gemeinsame Netz erhält den Namen "ComLink". Die Texte aus dem Umwelt- und dem politischen Bereich stehen nun im gemeinsamen Verzeichnis /CL (als Kurzform für ComLink). Bei der Gelegenheit wurde die Brettstruktur überarbeitet, erweitert und verfeinert. Die /CL-Bretter werden heute in über 300 Systemen in der gesamten Bundesrepublik, in Österreich, der Schweiz, Italien und dem ehemaligen Jugoslawien (und damit an etwa 100.000 Teilnehmer/innen) verbreitet. Organisation und NetzgemeinschaftDas /CL-Netz wird vom Münchner Verein "Kommunikation und Neue Medien e.V." als einer Art Dachverband betreut. Dieser Verein erbringt zahlreiche Service-Leistungen für das /CL-Netz. KuNM macht die Pressearbeit für das Netz, beim Verein gibt es u.a. Schulungsmaterialien, Foliensätze und Broschüren, es werden zahlreiche Seminare zur Vernetzung in Zusammenarbeit mit Volkshochschulen und verschiedenen Trägern im Bereich der politischen Bildung angeboten. Außerdem gibt es einen Bücherbestellservice sowie einen eigenen, dreimal pro Jahr erscheinenden /CL-Rundbrief auf Papier, der mittlerweile an über 7.000 Interessierte verschickt wird. Last not least richtet Kommunikation und Neue Medien e.V. die regelmäßig viermal im Jahr stattfindende /CL-Tagung in Nürnberg aus. Zwei Tagungen haben jeweils einen technischen, zwei einen inhaltlichen / organisatorischen Schwerpunkt. Diese Tagungen dienen zum einen der Fortbildung der Systembetreiber-Teams, zum anderen werden auf den Tagungen immer wieder Probleme und Rechtsfragen erörtert, Visionen vorgestellt und so die Weichen für die weitere Entwicklung des Netzes gestellt.Auch das persönliche Kennenlernen vieler Netz-Teilnehmer/innen untereinander bei den /CL-Tagungen trägt dazu bei, daß sich das /CL-Netz auf einen breiten Konsens stützen kann. Ungeachtet inhaltlichen, politischen oder persönlichen Differenzen, sehen die Teilnehmer/innen das Netz als ein gemeinsames Projekt an. Netzneulinge, die zum ersten Mal auf ein solches Treffen kommen, sind zumeist völlig erstaunt, wie intensiv auf den /CL-Tagungen diskutiert wird, wie enorm konfliktfähig die meisten Teilnehmenden (dabei insbesondere viele Jugendliche und junge Erwachsene) durch ihre Netzerfahrungen sind und wie effizient dabei in den Arbeitsgruppen dort neue Konzepte erarbeitet werden. So wird es verständlich, warum das /CL-Netz eine so außergewöhnlich stabile Netzgemeinschaft darstellt -- und eben nicht nur eine Ansammlung interessanter Inhalte. Das inhaltliche Angebot: Die /CL-BrettstrukturDie Inhalte werden im /CL-Netz sehr übersichtlich präsentiert, denn das /CL besitzt eine wohl durchdachte Brettstruktur. Die Rubriken sind nach Themen geordnet. In der ersten Brettebene finden sich die Oberthemen (z.B. /CL/MENSCHENRECHTE, /CL/KOMMUNALPOLITIK), in der folgenden Ebene gibt es eine weitere inhaltliche Unterteilung (also z.B. /CL/MENSCHENRECHTE/AFRIKA, /CL/MENSCHENRECHTE/ASIEN). So ist es für die TeilnehmerInnen einfach möglich, für sie interessante Themenbereiche aufzufinden.Weiterhin wird im /CL-Netz jedes Thema noch einmal in Unterbretter namens /ALLGEMEIN, /AKTIONEN und /DISKUSSION aufgeteilt. Damit werden Information, aktuelle Termine, Anfragen und Diskussionen zumindest grob kanalisiert. In /ALLGEMEIN kommen allgemeine Informationen zum Thema, in /AKTIONEN aktuelle Termine, Anfragen, Aufrufe zur Mitarbeit etc. und in /DISKUSSION, wie der Name sagt, wird zum Thema diskutiert (auch die Beiträge, die in /ALLGEMEIN und /AKTIONEN stehen). Diese Art der Themenorganisation ist keineswegs selbstverständlich. Im internationalen Menschenrechtsnetzwerk APC (Association for Progressive Communications) sind die Bretter auf der ersten Ebene anhand der teilnehmenden Organisationen aufgeteilt, also z.B. /APC/AI für amnesty international und /APC/GP für Greenpeace. Dies entspricht mehr dem Bedürfnis einzelner Gruppen nach Selbstdarstellung, ist auch einfacher von den Gruppen aus mit Informationen zu beschicken, weil sie nicht darüber nachdenken müssen, unter welchem Thema sie den Text ablegen. Für die anderen Teilnehmerinnen und Teilnehmer allerdings wird das Auffinden von Informationen ungleich schwerer. Zum einen müssen sie sich erst einmal mit den vielen verschiedenen Kürzeln der Gruppen vertraut machen (wer weiß schon auf Anhieb, was /AI, /GP, /GN /UNHCR und so weiter heißt), außerdem muß für jedes Thema in verschiedenen Gruppenbrettern gesucht werden, um einen umfassenden Überblick zu bekommen. Wenn sich dagegen im deutschsprachigen /CL-Netz eine Gruppe zu Wort meldet, z.B. Greenpeace, dann ist sie angehalten, ihre Texte gezielt unter dem jeweiligen Thema ablegen, also im Fall von Greenpeace z.B. bei MUELL, GENTECHNIK o.ä.Das ZAMIR Transnational Network -- MailBox-Projekt für den FriedenZA MIR bedeutet in den meisten Sprachen, die im ehemaligen Jugoslawien gesprochen werden, äfür den Frieden". Das Zamir-Netzwerk ist ein Computernetz von Friedensgruppen in der Balkanregion. In den Jahren des Krieges auf Kosten der Bevölkerung hat sich hier ein einzigartiges Kommunikationsmedium etabliert: "ZaMir" ist das einzige öffentliche Forum für den Dialog zwischen FriedensaktivistInnen aus Serbien, Bosnien, Slowenien, Kroatien und Montenegro. Mit einfacher Computer- und Telefontechnik wird selbst in der belagerten Stadt Sarajevo ein Netzwerkknotenpunkt betrieben.Eric Bachman ist einer der Begründer dieses transnationalen Netzwerkes gegen den Krieg. Zusammen mit dem FoeBuD e.V. in Bielefeld organisiert er praktisch seit dem Ausbruch der Kriegshandlungen in den Republiken des ehemaligen Jugoslawiens den Nachrichtenfluß über Zensur- und Nationalismusbarrieren hinweg. Sinn und Zweck des MailBox-Projektes "ZaMir" besteht darin, den Anti- Kriegs- Friedens-, Menschenrechts-, nichtstaatlichen und Mediengruppen in den verschiedenen Ländern und Gegenden Ex-Jugoslawiens eine Möglichkeit zu geben, miteinander zu kommunizieren. Weiterhin sollte es ihnen ermöglichen, mit dem Rest der Welt in Verbindung zu treten. Das war deswegen so schwierig, weil die Telefonleitungen zwischen den einzelnen Landesteilen Ex-Jugoslawiens unterbrochen worden waren. Von Serbien aus war es nicht möglich, ein Gespräch nach Kroatien zu führen. Von beiden Orten aus war es aber möglich, ins Ausland anzurufen. So konnten die gesammelten Nachrichten aus Zagreb nach Bielefeld zur MailBox BIONIC als Relaystation geschickt werden und von dort aus vollautomatisch weiter nach Belgrad. Das Projekt traf auf eine Situation, in der Vorurteile, Haß
und Angst zwischen Menschen und Völkern verschiedener ethnischer Hintergründe
sich fast widerstandslos ausgebreitet hatten. In einer solchen Situation
ist die Möglichkeit zur Kommunikation, mit der Menschen sich erreichen
können, neue Bekanntschaften finden oder alte Freundschaften neu aufleben
lassen können, von äußerster Wichtigkeit.
Erst in jüngerer Zeit wurden im ZaMir-Netz Entgelte eingeführt. Das Ziel ist, daß sich das ZaMir-Netz selbst finanziert. Derzeit wird das ZaMir-Netz vor allem von den Stiftungen des amerikanischen Milliardärs George Soros finanziert (Soros Foundation und dem Open Society Institute). George Soros ist jüdischer Abstammung und stammt gebürtig aus Ungarn -- er setzt einen großen Teil seines Vermögens für die Förderung von Demokratie, Menschenrechten, freien Medien und einer offenen Gesellschaft in Osteuropa ein. Auch nach Beendigung der Kriegshandlungen hat das Zamir-Netz eine große Wichtigkeit für die Menschen in Ex-Jugoslawien, um Frieden, Aussöhnung und demokratischen Wiederaufbau zu fördern. Übrigens ist die Zentrale Ausländerbehörde, Außenstelle
Bielefeld, ist im Sommer 1996 Teilnehmerin der BIONIC-MailBox geworden,
weil es nirgendwo anders möglich ist, individuelle, qualifizierte
und aktuelle Informationen für rückkehrwillige Flüchtlinge
zu erhalten. So können Menschen aus Bosnien erfragen, wie die politische
Situation in ihrem Heimatdorf ist, ob ihr Haus noch steht bzw. ob es von
anderen bewohnt ist etc.
Regeln im Netz / NetiketteDie Datennetze sind kein rechtsfreier Raum.Das Z-Netz war stets auf größtmögliche Freiheit aller Teilnehmerinnen und Teilnehmer angelegt. Die Netikette des Z-Netzes versuchte, nur die wichtigsten Voraussetzungen zu notieren und war eher als Empfehlung definiert, denn als ehernes "Netzgesetz". Da das Geschehen im Netz nicht ausschließlich dem freien Spiel der Kräfte überlassen werden soll, hat sich das Netz eigene Regeln gegeben, geschriebene und ungeschriebene. Das Netz ist ein Mikrokosmos, in dem diese Regeln gelebt und ausgetestet werden. Ein gewisser Grundkonsens ist vorhanden. In der ´Netikette´ -- dem Knigge fürs Netzwerk -- sind einige Grundregeln festgehalten. Da gibt es
Demokratie / Wahlen / KoordinationIn den Bürgernetzen gibt es viele Dinge, die im Zusammenspiel aller Teilnehmerinnen und Teilnehmer abgestimmt werden, zum Beispiel das Einrichten neuer Bretter. Jeder Mensch kann einen formlosen Antrag auf ein neues Brett stellen. Dieser wird diskutiert und nach einiger Zeit wird von der Koordination zur Wahl aufgerufen. Die Wahlstimmen werden elektronisch abgegeben, und zwar in ein extra dafür eingerichtetes Brett namens /Z-NETZ/KOORDINATION/WAHLURNE. wurde das Wahlrecht vom MailBox-Betreiber wahrgenommen. Früher galt: Pro MailBox eine Stimme. Das Wahlrecht wurde in der Regel von der Person wahrgenommen, die die MailBox betreute. Vielfach wurde aber vor der offiziellen Abstimmung in den lokalen Boxen zur Abstimmung aufgerufen und das Ergebnis der Wahl vor Ort wurde dann als Stimme der MailBox an die netzweite Wahlurne weitergegeben.Mittlerweile sind (auch dies wurde in einer demokratischen Wahl so beschlossen) alle Teilnehmerinnen stimmberechtigt. Sie können nun gleichberechtigt über die inhaltliche, organisatorische und technische Gestaltung des Netzes mitbestimmen, wer es koordinieren soll etc. NetztreffenIm Z-Netz gibt es halbjährliche Netztreffen, die sich aus den "Sysop- Treffen" der früheren Zeiten entwickelt haben, bei denen MailBox-Betreiberinnen und -Betreiber sich face to face über die Weiterentwicklung des Netzes unterhielten. Diese Treffen wurden in Z-Netz-Treffen umbenannt, denn auch alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Netzes sind eingeladen. Diese Treffen stellen eine Besonderheit im Netzleben dar. Denn hier können die Defizite der schriftlichen Kommunikation abgebogen, Konflikte ud Mißverständnisse in direkter Interaktion aufgearbeitet werden. Diese Metaebene der Netzkommunikation ist sehr wichtig für die Bürgernetze. Inhalte, die nicht (be)schreibbar sind, brauchen eben auch ihr Forum, in dem Mimik, Gestik, Geruch und gemeinsames Essen zur Ideen- und Entscheidungsfindung einsetzbar sind.Das CL-Netz leistet sich professionell organisierte Tagungen, in denen Arbeitsgruppen gebildet werden können, im Netz angesprochene Themen ausführlicher und zwischenmenschlicher diskutiert werden können. Auf den Fluren ist ein fast privates Gespräch in kleinen Gruppen möglich, ohne daß die gesamte Netzöffentlichkeit so einem Ablauf die ungeheure Bedeutung der Öffentlichkeit zukommen ließe. Diese Treffen sind ein Organ der Netzdemokratie. Durch die angefertigten Protokollen, die anschließend im Netz veröffentlicht werden, haben auch die Menschen, die nicht am Treffen teilgenommen haben, die Möglichkeit, sich über das dortige Geschehen zu informieren. Die Finanzierung der Struktur ist im CL-Netz so geregelt, daß
jede MailBox einen sehr geringen Jahresbeitrag an den Münchner Trägerverein
"Kommunikation und Neue Medien e.V." überweist. Von diesem Beitrag
wird die Hintergrundarbeit finanziert. Die CL-Tagungen finden immer in
Nürnberg statt.
Finanzierung / SelbstverständnisJedes MailBox-System ist autonom.Die BIONIC-MailBox in Bielefeld -- ein vielbeachtetes und nachgeahmtes Modellprojekt -- hat seit ihrem Bestehen für die Box-Nutzung einen geringen Beitrag von ihren TeilnehmerInnen gefordert. Dies war in den frühen Jahren der Netze keineswegs üblich. Die BIONIC-MailBox wurde von ihren Gründer/innen nie als ein privates Hobby betrachtet, sondern es war von Anfang an ein Gemeinschaftsprojekt, ein eigenes Medium, für das alle, die es nutzen wollen, zusammenlegen müssen, um es zu finanzieren. Diese Art der Finanzierung hatte den großen Vorteil, daß die MailBox nicht nur unabhängig war von anderen Geldquellen, sondern sie bekam auch für alle Beteiligten einen anderen Charakter. Jeder und jedem einzelnen gehört sozusagen ein Teil der MailBox. Den Teilnehmer/innen gibt es das Gefühl, eine legitime Berechtigung zu haben, dieses System für die eigene Arbeit zu verwenden, Forderungen zu stellen, Vorschläge und Kritik zu äußern und mitzuarbeiten. Die Userentgelte in der BIONIC sind gering (Mindestnutzung 15 DM im Monat, ermäßigt 10 DM). Sie reichen aber als ´Prüfsumme´, um ernsthaftes Interesse festzustellen. Und das ist der zweite Grund für die Userentgelte. In dieser Gesellschaft herrscht vielfach die Einstellung "Was nichts kostet ist nichts wert.". Die Neigung, einen kostenlosen Service über die Maßen zu strapazieren, ist erheblich größer, als wenn eine -- auch noch so kleine -- Schutzgebühr erhoben wird. "Wer nur etwas von Musik versteht, versteht auch davon nichts." Was ein Komponist über die Musik sagte, gilt auch für das Programmieren. Theorien sind verallgemeinerte Erfahrung. Computerprogramme schaffen eine Sicht der Welt, indem sie einen Sachverhalt als das Problem darstellen und die Lösung dafür anbieten. Software für den Zugang zum Datennetz beeinflußt wesentlich, was wir im Netz tun und wie wir in Zukunft kommunizieren bzw. ob überhaupt. Es gibt Programmierer, die das gesamte Netz als ein Mega-Programm ansehen, das möglichst perfekt beherrscht werden soll -- in solch einem Bild tauchen Menschen nur noch als Störfaktor auf. Die Netzsoftware wird bisher konzipiert nach den Kriterien: schnell, bunt, viele Features und möglichst einfach und bequem für die einzelne Anwenderin. Wenn ich das Netz aber nicht als Objekt betrachte, das ich möglichst gut in den Griff bekommen will, sondern mich selbst als Teil des Systems begreife, dann merke ich, daß es einer Menge weiterer Kriterien bedarf. Eine wirklich gute Netzsoftware fördert gleichberechtigte Kommunikation, Diskussionskultur und gute Umgangsformen, sie verschwendet keine Ressourcen, schafft keine neuen Hierarchien und achtet das Netz als sozialen Raum. Es ist durchaus möglich, all dies in einem Programm anzulegen -- aber es erfordert ein Bewußtsein für diesen Sachverhalt und so etwas wie Lebenserfahrung. Das Zerberus MailBox-ProgrammZ-NETZ, CL und ZAMIR haben eine Gemeinsamkeit: Sie bauen auf derselben Software-Grundlage auf -- dem Zerberus MailBox Programm. Das Z-NETZ selbst hieß deshalb ursprünglich "Zerberus-Netz" oder schlicht "Zerberus". Einige Jahre später wurde der Name dann in "Z-NETZ" abgekürzt. Damit sollte dokumentiert werden, daß die Teilnahme am Netz nicht von einer bestimmten Software abhängig ist. Mittlerweile gab es mehrere kompatible MailBox-Programme für DOS- Rechner, Amiga und Atari, die das von Zerberus definierte Netcall-Verfahren benutzten. So hat sich das Z-NETZ in Bezug auf die Software zunehmend heterogen entwickelt. Im CL dagegen wird überwiegend das Original Zerberus Mail- Box-Programm eingesetzt, im ZAMIR bisher ausschließlich -- gleiches gilt übrigens für die beiden Frauennetze WOMAN und FemNet.Die Gestaltung der Software hat Einfluß auf das Netz -- sie
bestimmt maßgeblich die Netz-Strukturen und die Art und Weise, wie
darin kommuniziert wird. Das Netz als Gesamtheit und auch die einzelnen
Menschen darin haben wiederum Einfluß auf die Software. Zum einen
indirekt durch ihr Verhalten im Netz, das bestimmte Funktionen der Software
notwendig macht, zum anderen können sie die Programmierer über
das Netz auch direkt und ganz einfach erreichen und ihnen so ihre Kritik,
Bedürfnisse, Wünsche und Vorschläge zur Kenntnis bringen.
Charakteristika / PrinzipienDas Zerberus MailBox-Programm besaß von Anfang an eine Reihe von charakteristischen Eigenschaften:
|